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Analyse des Antigone-Monologs (Z.891-928) (Sophokles)

von Nadine Theiler

  • Deutsch-Aufsatz (12. Jahrgang, Grundkurs)
  • sehr gut



Der Text ist der im fünften Jahrhundert v. Chr. von Sophokles verfassten Tragödie „Antigone“ entnommen. In diesem Stück verarbeitete der griechische Autor den Stoff einer alten Sage um die Tochter des Königs Ödipus.
Der Monolog, den Antigone kurz vor Betreten der Grabkammer hält, dient der gerade zum Tode Verurteilten dazu, ein letztes Mal ihr Schicksal zu beklagen sowie ihr Handeln zu rechtfertigen.

Unerfüllt sei ihr Leben geblieben, bedauert Antigone zunächst, findet jedoch in der Erwartung, in Liebe von ihren verstorbenen Familienmitgliedern aufgenommen zu werden, neue Hoffnung. Die Königstochter stellt die Unersetzbarkeit eines Bruders heraus und verteidigt auf dieser Grundlage erneut ihre Tat. In verzweifelter Einsamkeit jedoch fühlt sie sich selbst von den Göttern verlassen, gemäß deren Gesetzen sie zu handeln geglaubt habe.

Eingeleitet durch eine anaphorisch und parallel gestaltete Klimax, erhalten Antigones Ausführungen bereits zu Beginn eine deutliche Dramatik: „O Grab, o Brautgemach, o unterirdisch Gefängnis allezeit!“ (Z.891f), bejammert sie ihr Geschick, greift dabei eine Äußerung Kreons auf, der ursprünglich vom „Hades, der alle bettet“ (Z.811) sprach, und setzt ihr zukünftiges Grab ihrem Brautgemach gleich. Der absolute Ausdruck „allezeit“ (Z.892) unterstützt durch seine Endgültigkeit hier die Gewichtung des dritten Klimax-Gliedes und die tragische Wirkung der Klagen Antigones.

Dass diese die Ereignisse auch im Zusammenhang mit dem Labdakiden-Fluch sieht, lassen die nun folgenden Zeilen erahnen. Denn sowohl die Formulierung „all den Meinen“ (Z.892) als auch „schon so viel“ (Z.892), bezogen auf ihre verstorbenen Familienmitglieder, bringen die große Anzahl an Schicksalsschlägen zum Ausdruck, die Antigone als Ödipustochter bis jetzt erleben musste. Ihren eigenen Tod betrachtet sie aufgrund ihres bisher unerfüllten Lebens dennoch als den „bittersten“ (Z.895) und verkündet diese Tatsache in einem durch zwei Superlative besonders hervorgehobenen Satz. Ebenso nämlich reiht sie sich selbst als „die Letzte“ (Z.895) in die Geschichte ihrer Familie ein und ignoriert damit die noch lebende Ismene, die sie scheinbar nicht mehr als würdiges Familienmitglied anerkennt.

Eine Wende und einen für einige Zeilen hoffnungsvollen Charakter leitet die adversative Konjunktion „doch“ (Z.897) ein: Antigone, die im Diesseits keinerlei Rechte mehr besitzt und vom Herrscher verurteilt wurde, findet keinen anderen Trost mehr, als sich bereits dem Jenseits zuzuwenden. Den verstorbenen Familienmitgliedern fühlt sie sich so verbunden, dass sie sie direkt anspricht (Z.898f). Und die Zuflucht, die ihr im Totenreich gewährt werden wird, scheint der Königstochter so sicher, dass sie sich nicht scheut, erneut einen anaphorischen Parallelismus zu verwenden – dieses Mal mit positiver Bedeutung: Denn „geliebt“ (Z.898) werde sie zu ihrem Vater kommen, und „geliebt“ (Z.898) auch zur Mutter und zum Bruder. Den Grund für diese Zuversicht legt Antigone dar: Eingeleitet durch die kausale Konjunktion „denn“ (Z.900), beschreibt die nun folgende Dreierfigur die Bestattungsehren, die Antigone ihren Verwandten erwiesen habe. Diese Dreigliedrigkeit wiederum steht im Bezug zum vorigen Satz, der eine ähnliche Struktur aufweist und stellt so eine zusätzliche Verbindung zwischen These und Argument her.

Der Begriff des „Lohn[s]“ (Z.903), den Antigone im Zusammenhang mit der verbotenen Bestattung ihres Bruders einbringt, lässt sich hier auf zwei verschiedene Weisen deuten: Einerseits könnte sie auf das Wiedersehen mit ihrer Familie anspielen und den Begriff dadurch in einem positiven Zusammenhang verwenden; andererseits – und das halte ich für wahrscheinlicher – wäre es auch möglich, dass sie ironisch spricht: frustriert, enttäuscht und sich des Widerspruchs zwischen ihrer Tat und deren Wirkung vollkommen bewusst. Der adversativ eingeleitete Einschub, der nun folgt, scheint dies zu bestätigen. Denn genau wie Antigones direkte Anrede an Polyneikes (Z.902) sämtliche Zweifel an ihrer Verbundenheit mit diesem ausräumt, bestätigt Zeile 904 ein weiteres Mal, dass die Verurteilte immer noch fest überzeugt von der Richtigkeit des eigenen Handelns ist. Sie nimmt hier den Begriff der Klugheit wieder auf, der schon in Haimons Rede eine große Rolle gespielt hat. Wer klug sei, der lobe ihre Tat, behauptet Antigone. Da sie sich gegenwärtig jedoch in einer Position befindet, in der sie selbst nur von den Toten Lob erwartet, wären die Klugen aus ihrer Sicht eventuell sogar allein mit diesen gleichzusetzen.

Im Anschluss daran lässt die Hauptfigur zum ersten Mal erkennen, dass auch für sie die Gesetze einen hohen Stellenwert besitzen. Für Kind oder Ehemann hätte Antigone nämlich keine staatlichen Regelungen verletzt, legt sie in einem durch Konjunktiv als Gedankenspiel gekennzeichneten Satz (Z.905ff) dar. Nach der Begründung für diese These fragt sie daraufhin selbst (Z.908), liefert, indem sie auf die Unersetzbarkeit eines Bruders verweist (Z.909ff), eine Erklärung und schließt diese wiederum, indem sie auf die Ausgangsfrage Bezug nimmt: „Nach solcher Satzung ehr ich dich“ (Z.913). Dadurch dass Antigone die Familie hier über die Ehe stellt, stützt sie zwar ihr bisheriges Beharren auf dem Familienrecht, schwächt allerdings gleichzeitig die Wirkung, die sie mit Klagen über ihr unerfülltes Leben hervorruft.

Die Formulierungen „vor andern“ (Z.913) sowie „geliebter Bruder“ (Z.914) bestätigen darüber hinaus Antigones Zuneigung zu Polyneikes.

Diese leitet nun erneut eine Wende ein, die sie durch die adversative Konjunktion „aber“ (Z.914) ankündigt. Bei der folgenden Wiedergabe der Meinung Kreons, welche durch das Verb „fand“ (Z.914) auch deutlich als subjektiver Eindruck des Königs gekennzeichnet ist, stellt sie Kreons Meinung ihrem Handeln gegenüber. Die Ausdrücke „schuldig“ und „empörte“ (Z.915) formen durch ihre negative Bedeutung, die auf Frevel und Gesetzesbruch hinweist, einen starken Kontrast zu den zuvor verwendeten Wörtern „ehrt“ und „Satzung“ (Z.913), die beide einen positiven Charakter besitzen oder sogar die Gesetzeskonformität des Sprechers unterstreichen. Der Konflikt zwischen Kreon und Antigone wird so als unüberwindbar dargestellt. Diese bezichtigt den König weiterhin – vor allem durch das Bild der „Faust“ (Z.916) – eines brutalen Vorgehens und charakterisiert ihn als Gewaltherrscher.

Erneute Klage über Antigones unerfülltes Leben ist es jetzt, die die nächsten Zeilen füllt. Anaphorisch durch die Wiederholung des Attributes „kein“ (Z.917ff) und in parallelen syntaktischen Strukturen zählt die zum Tode Verurteilte zuerst Sitten auf, derer sie bis jetzt entbehren musste, um dann mit den menschlichen Beziehungen fortzufahren, die sie nicht erleben durfte. Dabei erwecken unter allen festgestellten rhetorischen Besonderheiten vor allem die Wiederholungen den Eindruck, es handele sich dabei um sehr viele und sehr elementare Dinge.
Antigone nimmt diese Entbehrungen zum Anlass, um auf ihre Einsamkeit hinzuweisen: Sie fühlt sich „verlassen“ (Z.919) – betont ist dieses Wort sogar durch eine Inversion – „von aller Liebe“ (Z.919). Diese Aussage ist meiner Meinung nach eindeutig als Hyperbaton aufzufassen und bringt zum Ausdruck, dass die Hauptperson mehr noch als zuvor dazu übergegangen ist, ihre Gefühle – und keine streng rationalen Überlegungen – zu formulieren.
Zumindest allerdings ist die Einsamkeit der Antigone selbst verschuldet: Indem sie Ismene zurückweist, verwehrt sie sich selbst jegliche Unterstützung.

Als „Lebendig[e]“ soll die Verurteilte ins Reich der „Toten“ (Z.920), bedauert sie und stellt durch diese Antithese gleichzeitig die Unrechtmäßigkeit der Strafe heraus. Denn Antigone gehöre noch nicht „in die Grabesgruft“ (Z.920), sondern ins Diesseits.

In ihrer Einsamkeit stellt die Königstochter eine Reihe rhetorischer Fragen, die erkennen lassen, dass sie das Gefühl hat, sogar die Götter hätten ihr die Unterstützung versagt (Z.921ff). Sie betrachtet es als sinnlos, die Unsterblichen noch zu verehren und führt, um dieses enttäuschte Vertrauen zu erklären, ein Paradoxon an: Durch „fromm[es]“ Handeln werde sie als „Frevlerin“ (Z.9924) angesehen. Und obwohl sie mit den Göttern in Übereinstimmung gehandelt habe, werde sie von diesen in den Untergang geschickt.

Auch in den letzten Zeilen macht Antigone ihren Anspruch auf die Richtigkeit ihrer Tat deutlich: Zwar scheint sie sich durch Formulierungen wie „dann seh ich ein“ (Z.926) zunächst eigene Fehler einzugestehen, fordert im nächsten Satz jedoch bereits die Bestrafung der Götter, falls sich deren „Fehlen“ (Z.926ff) herausstellen sollte. Und allein das Paradoxon, die Annahme, dass Götter fehlbar sind, sowie auch der ironische Unterton in Zeile 925, der durch das zu plötzliche Einlenken und das Wort „ja“ (Z.925) entsteht, zeigen meiner Meinung nach deutlich, dass Antigone auch hier noch auf ihrem Recht beharrt.

Kategorie: Deutsch | Kommentare (47)