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Charakterisierung Antigone (Sophokles)

von Nadine Theiler

  • Deutsch-Aufsatz (12. Jahrgang)
  • sehr gut

 

Antigone ist die Hauptfigur der gleichnamigen, im 5. Jh. v. Chr. von Sophokles verfassten Tragödie. Der griechische Autor verarbeitete in diesem Stück eine alte Sage um die Tochter des Königs Ödipus: Diese junge Frau wird von Kreon, dem neuen Herrscher Thebens, zum Tode verurteilt, da sie gegen dessen Verbot ihren Bruder Polyneikes bestattet hat.

Aus dem Labdakiden-Geschlechts entstammend, ist Antigone von einem Fluch betroffen, der bereits zu zahlreichen Schicksalsschlägen in ihrer Familie geführt hat: Die Tatsache, dass sie selbst und ihre Geschwister aus der inzestuösen Ehe zwischen Ödipus und dessen eigener Mutter Iokaste hervorgegangen sind, sowie die Aufdeckung weiterer Frevel veranlassten das Königspaar zum Selbstmord. Antigones Brüder Polyneikes sowie Eteokles hingegen töteten sich gegenseitig, sodass Ismene am Ende des Dramas als einzige der Geschwister überlebt.

Zu Kreon steht Antigone ebenfalls in verwandtschaftlicher Beziehung: Er ist ihr Onkel. Die ursprünglich vorgesehene Hochzeit zwischen seinem Sohn Haimon und Antigone hätte somit eine Eheschließung zwischen Cousin und Cousine bedeutet.

Antigone ist ein Mensch mit festen Prinzipien: Dass die Gunst der ewigen Götter für den Einzelnen wichtiger sei als das Wohlwollen anderer Menschen (Z.74f, 89) dient der Königstochter als Argument für ihre zunächst unerschütterliche Religiosität. Die Gesetze der Götter betrachtet sie daher als denen der Menschen deutlich übergeordnet (Z.450ff) und hält auch standhaft an dieser Überzeugung fest. Dieses Durchhaltevermögen, das sie einerseits einer bemerkenswerten Konsequenz sowie eines starken Willens auszeichnet (Z.91), wird von Kreon andererseits als Sturheit und Trotz ausgelegt (Z.471f). Auch auf Ismene wirkt das Selbstbewusstsein ihrer Schwester, die vollkommen hinter ihrer Tat steht und diese auch als eine Art öffentliche Demonstration betrachtet (Z.86, 443), eher wie Vermessenheit (Z.47). Antigone scheint sich in ihren Augen Kreons Gesetzen erhaben zu fühlen und ein viel zu großes Risiko einzugehen (Z.42).
Und tatsächlich kann der eigentlich streng rationalen Antigone (Z.905ff) eine, bezogen auf irdische Dinge, fehlende Weitsichtigkeit vorgeworfen werden: In der Auseinandersetzung mit Kreon verhält sie sich zwar ehrlich (Z.443), verzichtet jedoch auf jegliche Diplomatie (Z.452).

Eng verbunden mit dem hohen Stellenwert, den Antigone den Göttern zuspricht, ist auch die große Bedeutung, welche die Familie für sie besitzt (Z.48). „Mitlieben, nicht mithassen ist mein Teil“ (Z.523), lässt sie Kreon wissen und widersetzt sich so dessen patriotischer Argumentation allein durch die Begründung der Geschwisterliebe. Ihre toten Familienmitglieder zu bestatten, betrachtet Antigone daher als doppelte Pflicht (Z.450ff, 466): In Haimons Fall haben sie sowohl die Gebote der Götter als auch die Liebe zu ihrem Bruder dazu bewogen.

Obgleich Antigone zunächst unerschütterlich an ihren Überzeugungen festhält, treten in ihrem letzten Auftritt doch leise Veränderungen auf: Während sie den Tod zuvor als Erlösung von den Leiden des Lebens betrachtet hat (Z.72, 461, 263f), bedauert sie nach der Verurteilung ihr Schicksal (Z.895f) und kann es nur schwer akzeptieren. Auch gegenüber den Göttern, die ihr nicht geholfen haben, resigniert sie und stellt sogar deren Unfehlbarkeit in Frage (Z.927ff).

Indem Antigone sich Kreon entgegenstellt und sich ihm offen widersetzt, beweist sie großen Mut (Z.443, 452). Dass andere Menschen nicht in gleicher Weise zu handeln wagen, kann sie allerdings nicht tolerieren. Zwar scheint sie Ismene beschwichtigen zu wollen: „Du dachtest hier es recht zu tun, ich dort“ (Z.557), weist diese aber im selben Moment mit ebenso großer Ablehnung zurück, wie unmittelbar nachdem ihrer Schwester ihr die Mithilfe bei der Bestattung verweigert hat (Z.69f), und erkennt sie später scheinbar nicht mal mehr als würdiges Familienmitglied an (Z.896).
Allein für sich selbst beansprucht Antigone ihre Tat. Dass der Ruhm dafür auch Ismene zugeschrieben werden könnte, erscheint ihr offenbar unerträglich (Z.538f, 546f). Statt also den Beistand ihrer Schwester anzuerkennen, verurteilt die Angeklagte ihn: „Ich mag nicht Liebe, die mit Worten liebt“ (Z.543). Anders als für Ismene, die sich von Anfang an um Antigone ängstigt (Z.82) und um einen Verlust ihrer Schwester fürchtet (Z.548), zählen für Antigone demzufolge allein die Taten eines Menschen.

Antigone leitet aus dem Verhältnis zum Gesetz eine strikte Unterscheidung von Freund und Feind ab. Doch die feindselige Beziehung zwischen der Hauptfigur und Kreon scheint nicht allein aus den unvereinbaren Wertvorstellungen beider Personen zu resultieren. Vielmehr empfindet die junge Frau eine grundsätzliche Abneigung gegen ihren Onkel und vermutet, dass dies auf Gegenseitigkeit beruht (Z.499ff).

Sophokles stellt Antigones Position im Gegensatz zu Kreons Grundsätzen vor allem positiv dar, sodass der Zuschauer Sympathie für die Hauptfigur und Mitleid für deren Schicksal entwickelt.
Auch mich persönlich fasziniert die Figur der Antigone, die mutig zu ihrem Handeln steht und sich nicht scheut, der Obrigkeit zu widersprechen, wenn die eigene Überzeugung dies verlangt. Wo Standhaftigkeit jedoch in Stolz und Stolz in Sturheit umschlägt, lässt sich in ihrem Fall schwer festlegen. Denn den eigenen Tod in Kauf zu nehmen, obwohl sich sicherlich andere Möglichkeiten einer Einigung geboten hätten, würde ich eigentlich als verkehrten Stolz betrachten. Antigone allerdings, die vor allem auch aus religiösen Motiven handelt, setzt zusätzlich Prioritäten, die aus heutiger Sicht nur schwer nachvollziehbar sind.

Kategorie: Deutsch | Kommentare (39)