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Christa Wolf - Medea: Der Wächter und sein Verhältnis zu Kreon

von Nadine Theiler 

  • Deutsch-Aufsatz (12. Jahrgang, Grundkurs)
  • sehr gut

Charakterisierung: Der Wächter und sein Verhältnis zu Kreon


Den Auftritt des Wächters prägt eine, bei den anderen Personen nicht vorkommende, gewisse Komik, die sich schon in dessen ersten Sätzen ausdrückt: Als Bote des Unglücks ist er sich seiner tragischen Aufgabe nämlich vollkommen bewusst, sodass hier eine Selbstreflexion stattfindet, die für die Rolle eines schlichten Nachrichtenüberbringers ungewohnt scheint („So werden kurze Wege lang“, Z.232). Der Wächter schafft es, seine missliche Lage zum eigentlichen Inhalt der Szene zu machen.

Dabei wirkt er zunächst ängstlich. Hauptsächlich um sich selbst besorgt, versucht er, möglichst umsichtig die Schuld von sich zu weisen („Ich war’s nämlich nicht und sah nicht, wer es war.“ Z.238f) und bewertet nicht den Verstoß gegen Kreons Gesetz, sondern lediglich sein eigenes Schicksal, das er auch mit Kräften beklagt („mich Unglücksvogel“, Z.275; „was ich erleide“, Z.236).

Auf das anfängliche Zögern des Wächters reagiert Kreon mit Ungeduld („So meld es endlich“, Z.244), überträgt die für ihn negative Bedeutung der Nachricht – ganz so wie es der Bote vorhergesagt hat („Kein Mensch ja liebt den Boten böser Mär.“, Z.277) – auf deren Überbringer, trifft im Laufe des Wortgefechts sogar eine direkte Anschuldigung gegen diesen („Jawohl! Und gabst dein Leben preis fürs Geld!“, Z.322), entlässt ihn letztlich jedoch ohne Bestrafung, sondern nur unter Androhung weiterer Konsequenzen („(…) lebend lass ich euch hängen, bis den Frevel ihr gesteht“, Z.307f).

Entsprechend seiner vermutlich einfachen Herkunft bedient sich der Wächter einiger eher umgangssprachlicher Formulierungen (z.B. „du Tropf“, Z.229; „kriegst du sicher Hiebe“,  Z.231; „was sich gehört“, Z.247; „Unglücksvogel“, Z.275), die besonders im Vergleich mit der Ausdrucksweise der anderen Personen deutlich werden. Trotzdem schafft er es, eine regelrechte Schlagfertigkeit zu entwickeln und Kreon mit Ironie und hintersinnigen Anspielungen entgegenzutreten. Auch die Reaktionen des Königs – dieser bezeichnet den Boten als „Plappermaul“ (Z.320) und dessen Worte als „Geschwätz“ (Z.316) – scheinen diese sprachlichen Beobachtungen zu bestätigen.

Doch die Ausführungen des Wächters, die im ersten Moment offenbar lediglich dessen eigener Verteidigung dienen, enthalten ebenso eine leise Kritik an den Befehlen Kreons. Diese offen auszusprechen, wagt der Bote jedoch nicht und muss so auf die bereits erwähnten Sticheleien zurückgreifen. Besonders die Formulierungen „Beißt’s in den Ohren oder in der Seele?“ (Z.317) und „Furchtbar, wenn einer glaubt und glaubt verkehrt!“ (Z.320) lassen sich auf das Bestattungsverbot beziehen und als dessen Ablehnung auffassen.

Kategorie: Deutsch | Kommentare (13)