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Deutsch: Christa Wolf - Medea

von Markus Wedemeyer

  • Deutsch-Aufsatz (13. Jahrgang, Leistungskurs)
  • 11 Punkte

Christa Wolf - Medea

Hausaufgabe: Geben Sie der von Ihnen gewählte Figur eine Stimme und wählen Sie in Anlehnung an die Erzählweise Christa Wolfs einen passenden Erzählstil. Erläutertn Sie in einem reflektierenden Teil Ihren Gestaltungsentwurf.


Kreon

(Beginn des Monologes: S. 211 unten)

Meine Macht ist dahin. Glauke ist tot und mit ihr auch die Heirat zu Jason. Und ohne einen Nachfolger bin auch ich tot. Nichts, nichts, nichts. Alles leer. Akamas erledigt inzwischen alle Geschäfte für mich. Was heißt inzwischen. Wenn ich ehrlich zu mir bin, dann war er es, der schon über längere Zeit mehr Macht im Land hatte als ich. Nicht, dass es mich nicht mehr gab, aber ich brauchte ihn für jede zu treffende Entscheidung. Er steht dem Volk einfach näher und hat eine bessere Übersicht über die ganze Lage. Er weiß immer, was richtig zu tun ist, weil er alles für den Erhalt Korinths tun würde. So wie er es in diesem Falle mit diesem Weib gemacht hat, die uns allen nur Unglück gebracht hat. Mir am allermeisten. Ich dachte, ich hätte in Jason einen guten Thronfolger gefunden; hätte die Glauke nun doch noch vermählen können. Doch diese Hexe hat alles zerstört. Zwar hat sie Glauke auch geholfen, aber sie war kein guter Umgang für sie, was man ja letztendlich sieht. Glauke ist tot. Und ich konnte ihr nie zeigen, dass ich sie doch liebte. Ich kann nur hoffen, dass sie versteht, dass ich es nicht tun konnte. Zu sehr hatte mich bereits der Tod Iphinoes verletzt. Zu tief waren schon meine Verletzungen, als dass sich sie als meine Tochter hätte annehmen können. Ich musste so mit ihr umgehen, um meine Kraft und Stärke zu verdeutlichen. Mehr und mehr allerdings vor mir selbst als vor Anderen. Ich konnte und wollte mir meine seelischen Schwächen nicht eingestehen und musste daher um so stärker meine Bestimmtheit und Kraft nach außen hin zeigen. Darum war ich stets steif und verkrampft, wenn ich im Thronsaal anzutreffen war, weil ich eine Rolle zu spielen hatte, um meine Überlegenheit besonders gegenüber den Frauen zu zeigen. Nur wenn es mir gut ging, mir die Gesellschaft um mich herum gefiel, und ich mit meinen Gedanken weit weg von meinen Verpflichtungen, Merope, Iphinoe und Glauke war, konnte ich mich gehen lassen. Doch dieser Zustand wird wohl nicht mehr vorkommen. Auch wenn ich Merope noch weiter von mir wegschließe und sie noch seltener sehe, werde ich mich trotzdem nicht mehr von dem Gedanken lösen können, dass ich alles verloren habe.

Ich dachte, wenn wir diese Hexe verbannen würden, dann würde wieder Ruhe in Korinth einkehren. Akamas hatte alles gut in die Wege geleitet und es erschien mir alles perfekt. Nur hatte ich unterschätzt, wie tief sie bereits in unsere Gesellschaft eingedrungen war, wie sehr sie Glauke schon beeinflusst hatte, dass diese nun ...

Von Anfang an war mir dieses Weib unheimlich. Ihre Art, alles zu hinterfragen, und diese Weiblichkeit. Sie arbeitete zuviel mit ihren Gefühlen und sie war für eine Frau zu selbstbewusst und zu ... stark. Ja, sie erinnerte mich zu sehr an die Ereignisse, welche drastische Maßnahmen benötigten, um meine Macht und die Macht des Mannes in Korinth zu stärken. Denn nur ein Mann kann ein Land beschützen und regieren. Frauen können nicht klar genug denken und sind in den entscheidenden Momenten nicht stark genug, um richtige Entscheidungen zu treffen. Merope ist das beste Beispiel dafür: Sie wurde fast verrückt nach Iphinoes Tod. Mich verletzte es ja auch, aber es war notwendig und richtig, wenn ich mir den weiteren Verlauf ansehe. Mit einer Frau auf dem Thron wäre unser schönes Korinth schon längst untergegangen.

Doch dieses Weib wollte all das zerstören. Und mich hat sie zerstört. Meine Kraft ist am Ende. Das Elend umgibt mich. Dieser Verlust war selbst für einen König wie mich zu viel.

Ich hasse das Weib für das was es uns angetan hat. Die Strafe ist nur gerecht und ich würde sie jederzeit wieder aus der Stadt werfen lassen. Soeben berichtet mir Akamas, dass ihre Kinder tot seien. Dafür kann ich nichts und außerdem war es ihr eigenes Verschulden. Sie hat mein Volk so in Aufruhr gebracht. Sie hat an allem gerüttelt und gezweifelt. Sie hat unsere Gesetze missachtet. Was soll da anderes passieren, als dass mein Volk auch das letzte entfernt, was von dieser Hexe übrig geblieben ist? Wer sollte es aufhalten? Niemand. Sie brauchten etwas, um sich von ihrem Ärger zu befreien. Und so lange dadurch die Ruhe und Ordnung in Korinth wieder hergestellt ist, ist auch dies ein hinnehmbares Opfer.

Auch für mich ist es ein Opfer, nun mehr und mehr zurückzutreten. Ich überlasse nun Akamas alles. Früher brauchte ich ihn nur in Notsituationen, wenn ich nicht weiter wusste und von seinem intelligenten Denken gute Ideen aufnehmen konnte. Der gute Akamas. Immer für mich da und immer die richtigen Ratschläge zur richtigen Zeit. Er wird vorerst gut für Korinth sorgen, während ich meinen Gedanken nachhänge.

Meine Welt ist zerstört, Glauke ist tot, Iphinoe auch schon längst und mein ausgesuchter Thronfolger Jason nun nicht mehr mein zukünftiger Schwiegersohn. Was bleibt, sind Trauer, Leid und Hass: Hass auf das Weib, was den Tod zu uns brachte.



Reflektion

Die Stimme Kreons setzt ein, nachdem Glauke bereits ihren Freitod begangen hat und Medeas Kinder grade in der Stadt getötet wurden, was er im Verlauf seines Monologes erfährt. Aufgrund dieser beiden Ereignisse erscheint Kreon emotional aufgewühlt, was daran erkennbar ist, dass er immer wieder den Tod seiner Tochter aufgreift. Dadurch wollte ich außerdem aufzeigen, dass er eine emotionale Bindung zu seiner Tochter hatte, obwohl er nie seine Liebe zeigen konnte. Meines Erachtens hatte auch er Gefühle gegenüber seinen beiden Töchtern und war nur aufgrund des patriarchalen Systems gezwungen, seine Emotionen zu unterdrücken, da er sonst Schwächen offenbart hätte, was sich ein starker König jedoch nicht hätte erlauben können. Folglich spielt Kreon nur eine Rolle, die ihm das korinthische System mehr oder minder aufzwingt, da von ihm Stärke und Bestimmtheit verlangt wird. Des Weiteren gehe ich davon aus, dass er diese Attribute auch von sich selbst verlangt, da für ihn ein matriarchales Herrschaftssystem undenkbar sein muss. Andernfalls hätte er nicht den Mord an Iphinoe veranlassen können, da es meiner Ansicht nach eine emotionale Bindung zwischen Vater und Tochter gegeben hat. Dieser Mord zeigt weiterhin, dass Kreon starke weibliche Frauen, die ihm geistig überlegen seine könnten verabscheut. Durch die Wiederholung der Abwertung im Bezug auf Medea, „Weib“, „Hexe“, habe ich versucht, diese Gefühle zu veranschaulichen. Medea wird somit zu einem Hassobjekt, da sie eine dominante Frau ist und matriarchalen Werte vertritt.

Auch wird deutlich, dass er für den Erhalt des korinthischen Systems und den Erhalt seiner eigenen Macht viele Opfer in Kauf nimmt. Da durch den plötzlichen Tod Glaukes nun auch Kreons Nachfolge nicht mehr gesichert ist, beginnt dieser König zu resignieren. Dieses verdeutliche ich durch die Wiederholung des Wortes „nichts“.

Kreon weiß um seine geistige Unterlegenheit gegenüber Akamas, akzeptiert diese aber, da er bis zum Tode Glaukes die Macht noch zu besitzen glaubt, was durch das Possessivpronomen „mein“ ausgedrückt wird. Es ist ihm möglich, Akamas für den Erhalt seiner macht zu benutzen, da dieser das patriarchale System ebenso unterstützen will, weswegen ich Kreon Aufwertungen wie „gut“ gegenüber Akamas sagen lasse. Dieser gewisse Machtverlust ist für den korinthischen König ein „hinnehmbares Opfer“ um seine Stellung zu sichern.

Den zuweilen sehr asyndetischen Satzstil habe ich bewusst gewählt, da Akamas Kreon eine nicht allzu hohe Intelligenz nachsagt und dieser zudem durch das emotionale Ereignis unmittelbar vor Einsatz des Monologes innerlich aufgewühlt ist. Auch wollte ich damit seine Verzweifelung und die Resignation im Bezug auf die Zukunft zum Ausdruck bringen. Für die Einwortsätze habe ich mich entschieden, da sich auch Christa Wolf in dem Roman dieses Stilmittels bedient.

Insgesamt versuchte ich, Kreon als einen selbstkritischen Menschen darzustellen, da er meiner Meinung nach nur diese Rolle des starken und zugleich dummen Königs spielt. Er muss seine wahren Gefühle vor diesem Bild verstecken, um weiterhin regieren zu können. Zusätzlich kann er sich so des intelligenten Akamas bedienen und von dessen Kompromißlosigkeit profitieren. Somit ist es ihm durchaus möglich, seine eigenen Gefühle zu reflektieren und da er dies nicht vor anderen Menschen tut, besteht in diesem Fall die Möglichkeit, dass er sich selbstkritisch gegenüber steht.

Kategorie: Deutsch | Kommentare (15)