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Georg Büchner - Woyzeck

von Nadine Theiler

  • Deutsch-Aufsatz (Grundkurs 12)

 

Dreieckbeziehung: Woyzeck – Marie – Tambourmajor

Die Beziehung zwischen Woyzeck und seiner unehelichen Geliebten Marie, mit der dieser auch einen Sohn hat, ist durch verschiedene Faktoren gestört. Deutlich wird zwar ohne Zweifel, dass Woyzeck Marie liebt, gleichsam allein für sie lebt und sogar mehrere Nebenbeschäftigungen aufnimmt, um Unterhaltszahlungen an sie leisten zu können; gleichzeitig jedoch berauben all diese Tätigkeiten den Soldaten seiner Freizeit. „Ich muss fort“ (z.B. S.13 Z.27) wird zu einer typischen Aussage der ständig gehetzt wirkenden Titelfigur, die kaum Zeit findet, sich um Geliebte oder Sohn zu kümmern.
Diese anhaltende Unruhe sowie die vereinzelte geistige Verwirrung Woyzecks haben offensichtlich dazu beigetragen, dass Marie bereits Angst vor diesem, wie sie ihn nennt, „vergeistert[en]“ (S.13 Z.28) Mann empfindet, der überdies nicht einmal „sein Kind […] angesehn“ hat (ebd.).

Angezogen fühlt sie sich stattdessen vom Tambourmajor und geht mit diesem eine Affäre ein, die sich vor allem aufgrund bestimmter Wesenszüge der Marie entwickelt: In Szene zwei verängstigt zurückgelassen, amüsiert sie sich schon bald wieder auf der Kirmes und mit dem Major. Maries Leben scheint also von Spontaneität und Sprunghaftigkeit geprägt zu sein, welche, zusammen mit einer ausgeprägten Triebhaftigkeit, die der gehetzte Woyzeck nicht befriedigen kann, den Tambourmajor so anziehend auf sie wirken lassen.
Ebenso von Bedeutung für diese Beziehung ist jedoch Maries starke Beeinflussbarkeit durch das Äußere eines Menschen. Denn ebenso wie Woyzeck ist eigentlich auch der Tambourmajor nur ein untergeordneter Soldat, der es jedoch – im Gegensatz zu Woyzeck – versteht, durch sein Auftreten, seine prächtige Uniform sowie durch Geschenke nach außen hin ein anderes Bild entstehen zu lassen. Für dieses Bild wiederum schwärmt Marie, wie zum Beispiel deutlich wird, als sie beim Zapfenstreich die Erscheinung des Majors bewundert oder diesen in ihrer Kammer stolz beschreibt: „Über die Brust wie ein Rind und ein Bart wie ein Löw“ (S.17 Z.1f).

Im Falle von Marie erhält der Tambourmajor, der jene Anerkennung gerne entgegennimmt, auf diese Weise die Bestätigung, welche er bei seinem Gegenüber stets sucht, zumal er sein Selbstwertgefühl ausschließlich von außen her abzuleiten scheint. Auch in der von ihm provozierten körperlichen Auseinandersetzung mit Woyzeck, durch die er diesen öffentlich demütigt, möchte er anscheinend seine Kraft und Männlichkeit erneut beweisen.

Wenn der Major nun von einer „Zucht von Tambourmajors“ (S.17 Z.9) spricht, so zeigt dies also einerseits seine Eitelkeit, andererseits jedoch auch das rein triebgelenkte Wesen seiner Beziehung zu Marie. Dieser bereitet ihr unkeusches Handeln wiederholt heftige Gewissensbisse, die sich sowohl durch Selbstvorwürfe (z.B. „Ich bin doch ein schlecht Mensch“; S.14 Z.31) als auch durch ihr wankelmütiges Verhalten gegenüber dem Major zeigen. Letztendlich jedoch müssen die Zweifel immer der Resignation weichen, wie sich an der Aussage Maries gegenüber dem Tambourmajor erkennen lässt: „Lass mich! […] Rühr mich an! […] Es ist alles eins.“ (S.17 Z.11ff).

Woyzeck reagiert auf die Untreue seiner Geliebten naturgemäß eifersüchtig, zeigt dies allerdings nicht offen durch Vorwürfe, sondern gibt, als er beispielsweise den Schmuck bei Marie entdeckt, nur zu verstehen, dass er die wahre Situation kennt. Die Kommunikation beider Personen ist also eindeutig gestört, eine Lösung des Konfliktes folglich unmöglich.

Kategorie: Deutsch | Kommentare (11)