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Günter Grass - Katz und Maus (Novelle)

von Karsten Sieling 

  • Deutschaufsatz (Jahrgang 13, Grundkurs)
  • 14 Punkte


Ist Joachim Mahlkes Leben verfehlt?


In seiner Novelle „Katz und Maus“, erschienen im Jahr 1961, richtet Günter Grass sein Hauptaugenmerk auf einen jungen Mann Namens Joachim Mahlke, dessen Erlebnisse und Taten in der Jugend eindringlich und detailreich vom Ich-Erzähler Pilenz dem Leser vermittelt werden.
Joachim Mahlke, der sich mit seinem übergroßen Adamsapfel herumplagt, gilt durch sein merkwürdiges Verhalten als Sonderling und Außenseiter. Seine Schulkameraden begegnen ihm mit einer Mischung aus Abneigung und Bewunderung. Bewunderung für seinen Mut und herausragende Leistungen, Abneigung für seine Verschlossenheit und seine vermeintliche Überlegenheit. Mahlke setzt Trends und isoliert sich, er stiehlt das Ritterkreuz und erlangt es schließlich auf legalem Wege, er triumphiert und verliert zugleich.
Es stellt sich die Frage: Wofür das alles? Warum diese Heldentaten? Warum diese Isolation? Was ist Mahlkes Ziel, seine Absicht? Und hat er dieses Ziel erreicht oder war sein Leben gar verfehlt und sinnlos?
Um darauf Antworten zu finden, muss vorher klargestellt sein, dass es bei der Be- und Auswertung dieser Fragen, vor allem der, ob Mahlkes Leben geglückt ist oder nicht, immer zwei Sichtweisen bzw. Standpunkte gibt, die es zu berücksichtigen gilt. Als neutraler Betrachter ist unser Urteil gesellschaftlichen, moralischen und objektiven Normen unterworfen, nach denen wir bewerten. Versetzen wir uns jedoch in die Rolle des jungen Mahlke hinein, so kommen wir vielleicht zu einem ganz anderen Ergebnis, da diese Sichtweise andere Normen, die individuellen Normen Mahlkes, zu Grunde legt.
Ziel ist es also, das richtige Verhältnis beider Standpunkte, des objektiven und des subjektiven, zueinander herzustellen und so letztendlich zu einer eigenen Einschätzung und Beurteilung zu gelangen.
Hieraus leiten sich auch die Kriterien ab, an denen sich Mahlkes Verhalten messen lässt. Gesellschaftliche, moralische und objektive Normen lassen sich am einfachsten aus der Rolle des neutralen Betrachters anwenden. Diese müssen danach allerdings mit den subjektiven, den rein persönlichen Maßstäben, abgeglichen werden. Hierzu zählen z.B. ein gewisser Erfahrungsschatz, eigene Prinzipien, die Zufriedenheit mit sich selbst und seiner Arbeit, die Selbstverwirklichung und das Erfüllen der selbst gesteckten Ziele. Vergleicht man diese beiden Sichtweisen und wägt sie anschließend gegeneinander ab, so lässt sich ein Urteil darüber fällen, ob man persönlich Mahlkes Leben als geglückt oder verfehlt ansehen kann.

Joachim Mahlke hat ein Hauptziel, für das alle seine anderen Ziele bloß einen Zwischenschritt, ein Mittel zum Zweck darstellen.
Oberste Priorität lässt Mahlke dem Verstecken seines Makels zukommen. Sein übergroßer Adamsapfel ist das eigentliche Übel in seinem Leben. Er ist das Stigma, auf das ihn seine Schulkameraden reduzieren, das ihn seine ganze Jugend lang verfolgt. Er löst die Minderwertigkeitskomplexe in Mahlke aus und weitergehend den inneren Antrieb oder sogar Zwang, etwas dagegen zu unternehmen. Das Gefühl der Minderwertigkeit gibt dem Jungen erst das Fundament für seine anderen Ziele, die sonst vielleicht gar nicht entstanden wären, wie z.B. das Erlangen des Ritterkreuzes.
Der Drang, seinen Makel zu verbergen treibt Mahlke zu vielen Taten, wobei das Ritterkreuz eine immer wiederkehrende Rolle einnimmt. Es lässt sich sagen, dass der Orden die Verbindung zwischen Mahlkes Zielen darstellt und somit Dreh- und Angelpunkt des gesamten Buches ist. Zum einen lässt sich durch das Stück Metall hervorragend der Adamsapfel verbergen, zum anderen räumt die hohe Auszeichnung Joachim Mahlke Anerkennung und Aufmerksamkeit ein. Doch diesen Ehrgeiz entwickelt der Junge Mann erst im Laufe der Geschehnisse.
Alles beginnt damit, dass Joachim Mahlke immer einen Schraubenzieher um den Hals trägt, welcher es allerdings nicht vermag, die Blicke seiner Mitschüler von seiner „Gurgel“ abzulenken. Daneben befindet sich noch eine Kette, an der ein Abbild der heiligen Jungfrau Maria hängt. Mahlkes Verhältnis zur Religion lässt sich nur sehr schwierig klären, es lässt sich aber vermuten, dass die Kette nichts mit dem Verbergen des Makels zu tun hat.
Im Winter 1942 bringt der junge Mahlke den „Puscheltrend“ ins Rollen. Kein Schraubenzieher schmückt nun mehr seinen Hals, sondern bunte Wollbommel in allen Variationen. Das Tragen der Puschel wird allerdings zu mehr als einem Versuch, den Adamsapfel zu verstecken. Es zeigt hingegen einmal mehr seine Überlegenheit und Autorität gegenüber seinen Schulkameraden, auch wenn diese vielleicht eine etwas schwer zu beschreibende bzw. zu definierende ist. Wahrscheinlich ungewollt, löst Mahlke einen Trend aus und zieht somit die Aufmerksamkeit voll auf sich. Es ist das Faszinosum Joachim Mahlke, der es immer wieder schafft, alle zu begeistern und Bewunderung zu ernten. Doch ist es wahrscheinlich nicht die Art von Anerkennung, die er sich wünscht. Ihm wird eine Bewunderung zuteil, die sich auf seine Sonderbarkeit bezieht und somit nur die Aufmerksamkeit auf seinen Makel verstärkt. Egal was Mahlke tut, immer ist er der vermeintlich gefeierte Held, der für die anderen in Wirklichkeit gar keiner ist. Er bleibt ein Außenseiter und Sonderling. Ein weiters Ziel des jungen Mannes ist es deshalb, die Art von Anerkennung und Bewunderung zu erlangen, die er sich wünscht: nämlich ehrliche und aufrichtige.
Um das erreichen zu können, stellt sich das Gefühl ein, es allen beweisen zu müssen. „Er hatte es uns allen wieder gezeigt“. Vor allem vom Rektor seiner alten Schule fühlt er sich unterschätzt und missverstanden, was sich vor allem zum Ende der Novelle hin zeigt.
Zunächst macht Mahlke immer wieder durch sportliche Leistungen auf sich aufmerksam, ob in der Schule oder beim Tauchen auf dem rostigen Kahn. Er rettet einen Tertianer und ist beim „Onanierwettbewerb“ der herausragende Akteur. Er hat Beziehungen zu Frauen und die Courage und Autorität, einen Schülerstreich ohne Kommentar zu vereiteln. Durch Mut besticht Mahlke auch, als er den Rektor der Schule und einen Karikaturisten ohrfeigt.
Merkwürdig erscheint vielleicht sein „Umzug“ in die Funkerkabine im Inneren des Schiffswracks und das Freilegen des vereisten Einstiegs mitten im Winter 1942, doch auch durch diese Aktionen zieht er die Aufmerksamkeit auf sich und beweist seine augenscheinliche Überlegenheit gegenüber seinen Schulkameraden. Es könnte auch sein, dass Mahlke versucht, sich durch sein Vorgehen in der Freundesclique zu integrieren, indem er sich einen gewissen Status an Anerkennung für seine Leistungen erarbeiten will und somit hofft, die anderen von seinen Qualitäten zu überzeugen.
Nachdem Joachim Mahlke seinen Adamsapfel im Winter ´42 mit Puscheln versteckt hat oder einen dicken Schal um den Hals gewickelt getragen hat, ereignet sich in der Novelle ein Schlüsselereignis. Beim Vortrag eines Leutnants der Luftwaffe wird der Junge erstmals auf das Ritterkreuz, die höchste Auszeichnung im 2. Weltkrieg, aufmerksam.
Wie schon erwähnt, spielt dieser Orden eine Schlüsselrolle im Roman, weil er die Ziele Mahlkes zum Teil neu definiert oder zumindest die Taten auf dem Weg zu einem Ziel beeinflusst. Mahlke reagiert sehr merkwürdig auf den Vortrag des Fliegerleutnants. Schwitzend (obwohl er das nie tut, nicht einmal beim Sport) und mit errötetem Kopf verlässt er die Aula und gibt Pilenz lediglich die stumpfe Antwort: „Jetzt müssen sie schon 40 runterholen, wenn sie das Ding haben wollen. Ganz zu Anfang […] bekamen sie es schon, sobald sie 20 – wenn das so weitergeht.“ Obwohl es ihn eigentlich nicht zu interessieren braucht, wie viele Abschüsse man für die Auszeichnung mit dem Ritterkreuz benötigt, macht er sich Sorgen über die Verdopplung der Zahl seit Kriegsbeginn. Das zeigt, dass Mahlke schon zu diesem Zeitpunkt ein gewisses Interesse an der Auszeichnung gefunden hat, was auch seinen erhitzten Kopf erklären könnte und den Kauf einiger, im Dunkeln leuchtender, Ansteckknöpfe für den Mantelkragen und später für den Schal .
Innerlich entwickelt er eine treibende Kraft, die den Ehrgeiz nach dem Orden fortan immer mehr steigen lässt, bis er ihn schließlich zu jedem Preis bekommen will. Der junge Mann glaubt einen Teil seiner Probleme mit dem Erwerb des Ritterkreuzes lösen zu können bzw. einige seiner Ziele erfüllen zu können.
Joachim Mahlkes nächste Begegnung mit der hohen Auszeichnung hat weit reichende Konsequenzen. Nach dem Vortrag eines dekorierten U-Boot Kommandanten in der Aula stiehlt der Junge dessen Kreuz in der Umkleidekabine der Sporthalle während des Sportunterrichts. Obwohl alle ahnen, dass es Mahlke war, der den Orden entwendete, decken sie ihn, und ein anderer Mitschüler muss die Prügel des Lehrers einstecken. Mit gebundener Krawatte verlässt Mahlke ungeschoren die Sporthalle. Kurze Zeit später, auf dem Kahn, bestätigt sich der Verdacht. Pilenz schwimmt Mahlke hinterher, und dieser hält das gestohlene Ritterkreuz in seinen Händen und trägt es um den Hals. Doch ist dieser Zustand keineswegs befriedigend für Mahlke. Ihm wird klar, dass das Kreuz, durch seinen unehrlichen Erwerb, für ihn keinen weit reichenden Nutzen hat, weil er es niemals in der Öffentlichkeit tragen könne.  So trägt es zu keiner Erfüllung eines seiner Ziele bei. Weder seinen Makel kann er mit ihm verdecken, noch kann er Bewunderung und Anerkennung dafür ernten oder sich in die Clique integrieren.
Aufgrund dieser niederschmetternden Erkenntnis gelingt es Pilenz, Mahlke davon zu überzeugen, den Diebstahl bei Oberstudienrat Klohse zu gestehen und den Orden zurückzugeben. Diese gute Absicht wird allerdings nicht belohnt, denn einen Tag später fliegt Joachim von der Schule und muss fortan die Horst-Wessel-Oberschule besuchen. Dieser Vorfall berührt den Sonderling dermaßen, dass er sich ein neues zweitwichtigstes Ziel steckt: Er will es dem Rektor der Schule beweisen.
Als Mahlke zum Reichsarbeitsdienst eingezogen wird, sieht er die Chance für gekommen, „Jagd“ auf das Ritterkreuz zu machen, sprich, den Orden durch ehrliche Leistungen verliehen zu bekommen. Er lässt sich zur Wehrmacht versetzen und macht dort Karriere als Unteroffizier einer Panzerdivision. Dort macht er nicht nur durch seine herausragenden militärischen Leistungen von sich Reden, sondern auch durch eine Affäre mit der Frau des Kommandanten und ist dadurch bei vielen Soldaten bekannt und in aller Munde, wie schon sooft zuvor. All das geschieht noch im Jahre 1943. Im selben Jahr, im Alter von 18 Jahren, bekommt er das Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes für entsprechend viele Panzerabschüsse an strategisch wichtiger Stelle verliehen. Endlich, so scheint es, ist er am Ziel angelangt. Endlich hat er den Orden, endlich bekommt er die Anerkennung und Aufmerksamkeit, die er sich wünscht, endlich kann er seinen Makel ausradieren und endlich kann er es seinem alten Rektor und allen Schulkameraden beweisen. Doch wenn nur alles so einfach wäre, wie es sich Mahlke denkt. Das Ritterkreuz ist zwar der Schlüssel zu seinen Zielen und Problemen, es ist aber nicht der Schlüssel zur Lösung all dieser und somit zur Erfüllung seines Lebens.
Das zeigt sich vor allem am Ende der Novelle. Zurück in der Heimat, sieht der junge Mahlke sein großes Ziel vor Augen und zum greifen nah. Er macht sich auf den Weg zu seinem alten Conradi-Gymnasium, um sich zu rehabilitieren, um mit allen abzurechnen, um die Vergangenheit des Außenseiters Mahlke mit dem viel zu großen Adamsapfel vergessen zu machen. Wie schon der Leutnant der Luftwaffe, als auch der Kaleu bittet Mahlke beim Rektor um einen Vortrag vor der gesamten Schülerschaft. Als dieser ablehnt, auf Grund der Vorkommnisse in der Vergangenheit, wegen derer man es nicht verantworten könne, die Ordnung der Anstalt aufs Spiel zu setzten, fühlt sich Joachim genauso missverstanden und missachtet, wie schon vor Jahren. Auf andere Vorschläge kann und will er nicht eingehen, da der Vortrag an dieser Schule, dem Conradi-Gymnasium, stattfinden muss, damit sein Plan zur Vollendung gelangen kann. Mahlke erkennt, dass sich seit damals nichts geändert hat, auch wenn er jetzt Träger des Ritterkreuzes ist. Oberstudienrat Klohse behandelt ihn in seinen Augen genauso respektlos wie früher, genauso respektlos, wie alle anderen auch. Joachim Mahlke sieht sein Kartenhaus, das er in den letzten Jahren fein säuberlich aufgebaut hatte und dem anscheinend nur noch das Dach fehlte, in sich zusammenstürzen. Alles dahin und alles vergebens? Der junge Mann schreitet zu seinen letzten Taten. Die Rache am Rektor lässt er sich nicht nehmen. Vom Fronturlaub kehrt er nicht zurück, stattdessen taucht er unter und findet nun zum ersten Mal echte Hilfe, wahre Freundschaft bei seinem alten Schulkameraden Pilenz. Doch nun ist es zu spät. Verzweifelt und gescheitert sieht Joachim Mahlke keinen anderen Ausweg aus seiner Lage, als den Freitod. Auch wenn ihm die Tragweite seines Handelns in dieser Hinsicht vielleicht nicht bewusst ist, so setzt er noch einmal ein Zeichen, ein Mahnmahl, das ihn unsterblich macht. Pilenz wird ihn sein Leben lang nicht vergessen. Er widmet ihm ein Buch, das Rätsel Mahlke - das Faszinosum - kann dennoch nicht vollständig aufgedeckt werden. Vielleicht ist es gerade das Geheimnis, die Unergründlichkeit dieser Person, was Mahlke wieder ein Stückchen weit menschlicher erscheinen lässt. Das, wogegen er sein ganzes Leben lang kämpft, ein Sonderling zu sein, missverstanden zu sein und nur auf seinen Makel reduziert zu werden, gibt ihm nach seinem Tod vielleicht das, wonach er immer auf der Suche war: Ein Stück weit Verständnis und Anerkennung, aber auch eine ehrliche und aufrichtige Diskussion um seine Person und sein Handeln, mit Zuspruch, sowie mit Kritik, ohne ihn dabei allein auf seinen Makel zu reduzieren. Beweisen muss er sich nun nicht mehr. Vielmehr sind es die Verbliebenen, die ihm den Beweis der Aufrichtigkeit schuldig sind.

Will man nun abschließend ein Urteil über Joachim Mahlkes Leben fällen, so sollte man sich vorher mit seinen Zielen auseinandersetzen und bewerten, ob er sie erreicht hat oder nicht. Nur so lässt sich die subjektive Sichtweise erfassen. Teils gestaltet sich das recht einfach, teils scheint es aber auch fast unmöglich, zu einer abschließenden Beurteilung zu gelangen.
Was sich sicher sagen lässt, ist, dass sein Berufswunsch Clown zu werden, nie in Erfüllung gegangen ist und, dass er eine Integration in die Schulclique nie erfahren hat. Das sind zwar in der Hierarchie die beiden am weitesten unten anzusiedelnden Ziele des Joachim Mahlke, aber sie geben doch einen ersten Anhaltspunkt, dass er seinen eigenen Zielen nicht gerecht geworden sein könnte. An der Staffelung der Priorität seiner Ziele richtet sich auch die Größe und Verbissenheit der Anstrengungen diese zu erreichen aus. So scheint der Wunsch, Clown zu werden, im Laufe der Handlung immer schwächer durch. Ebenfalls verliert der junge Mann die Clique schon bald aus den Augen, denn er hat sich bereits „höheren“ Aufgaben zugewandt.
Es lässt sich ferner erkennen, dass die Chronologie des Auftauchens seiner Ziele mit der Staffelung dieser in der Prioritätstabelle (von weniger wichtig zu sehr wichtig) identisch ist. D.h. zum Beispiel, dass der Wunsch, Clown zu werden, von Anfang an besteht, der Wunsch, das Ritterkreuz zu erwerben, erst später dazu kommt (nach der Rede des Fliegerleutnants), aber in der Wichtigkeit einen höheren Rang einnimmt. Ebenso verhält es sich mit dem Ziel, es dem Rektor der Schule und seinen ehemaligen Schulkameraden zu beweisen. Es steht in seiner Priorität noch über der Absicht, das Ritterkreuz zu erwerben. Mahlke steckt es sich aber auch erst zu einem späteren Zeitpunkt, nämlich mit dem Verweis von der Schule. Eine Ausnahme bildet sein Hauptziel, das Verstecken seines Makels. Es ist der Träger, das Fundament, auf dem alles Weitere aufbaut. Ohne sein Hauptziel vor Augen, entstünden andere Gedanken, wie der Wille, das Ritterkreuz zu bekommen, gar nicht. Gerade dieses letztere Ziel sieht der Sonderling als Schlüssel zur Lösung vieler anderer Probleme an. Mahlke ist nicht von Natur aus Soldat und er will auch nicht den Helden spielen, aber er sieht sich in Folge seiner Situation zu diesem Schritt veranlasst, und es erscheint für ihn unumgänglich, anders eine Erfüllung seines Lebens zu erfahren.
Ziele, die Joachim zu Lebzeiten erreicht, sind das Erregen von Aufmerksamkeit um seine Person sowie der ehrliche Erwerb des höchsten deutschen Ordens der damaligen Zeit. Dazu muss allerdings gesagt werden, dass es sich wahrscheinlich nicht um die Art der Aufmerksamkeit handelt, die Mahlke eigentlich haben möchte. Wie schon erwähnt, besticht er durch seine herausragenden Leistungen, seinen Mut, seine Autorität und seine Art, anders zu sein. Ihm wird Anerkennung und Bewunderung zuteil, es ist aber keine ehrliche, keine vom Herzen kommende Bewunderung. Das ganze lässt sich eher als Hassliebe oder besser „Hassbewunderung“ beschreiben, denn ihm wird ja keine wahre Liebe entgegengebracht.
Die Auszeichnung mit dem Ritterkreuz steht nicht zur Diskussion. Sie ist das einzige größere Ziel, das Mahlke unumstritten erreicht und für ihn persönlich zugleich ein ungemein wichtiges, auch wenn sich diese Einschätzung später als falsch herausstellt. Der junge Mann rechnet dem Orden nämlich eine zu hohe Bedeutung für seinen weitern Lebenslauf zu. Er muss erkennen, dass eine hohe Auszeichnung allein nicht alle Türen öffnet und alles ermöglicht, was vorher nicht realisierbar erschien.
So schafft es Mahlke zu Lebzeiten nicht, seine beiden höchsten Ziele zu erfüllen, trotz des Ordens und trotz all der Aufmerksamkeit, die ihm zuteil wird. Er ist nicht in der Lage, es dem Rektor und seinen Schulkameraden zu beweisen und mit ihnen abzurechnen. Vor allem an diesem Beispiel zeigt sich, dass Joachim aufs falsche Pferd gesetzt hat. Dem hoch dekorierten Unteroffizier Mahlke wird es genauso schwer gemacht, wie dem einfachen Schüler Mahlke. Die Vermutung, bei seiner Rückkehr offene Türen in Schule und ehemaligem Mitschülerkreis einzurennen und ein leichtes Spiel bei seiner Rehabilitation zu haben, entpuppt sich als illusionär und falsch. Der Junge wird trotz seiner enormen Anstrengungen und Bemühungen abgeschmettert und in seine Schranken verwiesen. Ihm gelingt es nicht, die Bande der Gesellschaft bzw. seiner vermeintlichen Gegner, die ihn schon immer missachteten und missverstanden, zu durchbrechen. Alle Hoffnungen auf ein gelungenes Leben sind somit für Mahlke selbst zerschlagen und die Welt bricht für ihn zusammen.
Sein Hauptziel, das Verstecken seines Makels, des übergroßen Adamsapfels, rückt mit dem Scheitern seiner Strategie und mit dem Nicht-Erreichen seiner anderen Ziele in unerreichbare Ferne. Mahlke schafft es nie, seine „Maus“ vergessen zu machen. Sein ganzes Leben lang starren ihn die Leute an und egal was er sich einfallen lässt, es ist unmöglich, dieses Stigma zu verstecken. Der Junge weiß, dass es dieser Makel ist, auf den er häufig reduziert wird, die Aufmerksamkeit lenkt er aber erst durch sein extravagantes Verhalten darauf. Vielleicht ist es diese ständige Flucht vor den Blicken der anderen, dieser Zwang etwas dagegen unternehmen zu müssen, der ihn in sein Unglück und damit letztendlich in den Tod stürzt.

Ein erfülltes Leben erreicht Mahlke zu Lebzeiten nie, aber ob es gelungen ist oder ob der Junge vollends gescheitert ist, lässt sich nur schwierig beurteilen. Nimmt man seine persönliche Position ein und somit seine subjektive Sichtweise als Grundlage, so ist sein Leben sicherlich sinnlos gewesen und zum Scheitern verurteilt. Egal, wie groß seine Anstrengungen auch sind, immer läuft er gegen eine Mauer, und dabei findet er weder Beistand bei der Jungfrau Maria noch bei irgendjemand anderem. Perfekt durchdachte Lösungswege entlarven sich als Irrgarten und jeder Versuch, diesen Teufelskreis zu durchbrechen, treibt ihn nur noch tiefer in sein Verderben. Am Ende erscheint ihm sein Hauptziel unerreichbar und so unrealisierbar, dass er keinen anderen Ausweg sieht, als den Freitod zu wählen.
Gerade dieser Tod ist es aber, der der ganzen Beurteilung eine besondere Wendung gibt. Denn durch dieses drastische Ende werden dem Betrachter erst die Augen geöffnet. Dieses Ende lässt Joachim unsterblich werden und ruft bei zu- mindest einem Beteiligten, nämlich Pilenz, eine ausführliche Beschäftigung mit dem Fall Mahlke hervor. Er versucht, den geheimnisvollen und unergründlichen Sonderling zu durchschauen und ihn zu verstehen. Das ist es, was Mahlke zu Lebzeiten immer vermisste. Verstanden zu werden und eine gewisse Akzeptanz zu erfahren. Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit werden ihm bei aller Bewunderung nie zuteil. Es sind Leistungen und Erfolge, die zwar Beachtung finden, ihm aber niemals von Herzen gegönnt werden. Die Mittel und Wege, mit denen er versucht, seine Ziele zu erreichen, mögen umstritten sein und zu Teilen sicherlich auch falsch (z.B. das Erkaufen von Beachtung durch eine Kriegsauszeichnung), aber nicht desto trotz wird der junge Mann an die kalte, harte Seite der Gesellschaft geschmettert, die ihm lachend den Rücken zuwendet und ihn allein im Regen stehen lässt. Er muss dabei zusehen und kann nichts dagegen unternehmen. Seine Bemühungen - und vor allem sein guter Wille - werden von den meisten Mitmenschen ignoriert, daran zerbricht Mahlke letztendlich. Er kann die Kälte und Sturheit, die ihm entgegengebracht wird, nicht verstehen.
Was man ihm natürlich anlasten kann ist, dass er sich nie über eigene Fehler oder falsches Verhalten Gedanken macht. Er überlegt nicht, woran es noch liegen könnte, dass er so ungeliebt ist, sondern er versucht stets die Flucht nach vorn und schiebt alles auf die Stigmatisierung seines Makels. Das ist sicherlich eine Schwäche des Jungen. Eine Schwäche der Gesellschaft ist aber, dass sie ihm keine Chance gibt sein Leben so zu leben, wie er es gerne möchte. Alle Freiheiten zur Gestaltung des eigenen Lebens werden ihm durch seinen Kampf um Integration und Akzeptanz genommen. Zwar legen ihm seine Mitmenschen keine Steine in den Weg, aber sie machen ihm seine Situation doch merklich schwerer, als sie es sein müsste.
Es lässt sich also feststellen, dass -objektiv betrachtet- der Tod eine Wende für Mahlke darstellt. Pilenz widmet ihm eine Auseinandersetzung mit seinem Leben, seinem Handeln, seiner Art, seinen Fehlern und seinen Tugenden. Was aber das Wichtigste für Joachim Mahlke sein würde ist, dass Pilenz erstmals auch eigene Fehler, eigenes Versagen einräumt und dem ewigen Außenseiter die Chance einräumt, die er zu Lebzeiten nie wahrnehmen konnte. Diese Chance gibt ihm Pilenz, indem er versucht, seine Voreingenommenheit beim Erzählen der Ereignisse und beim Ergründen der Person Mahlke weitgehend zu unterdrücken. Der Tod brachte Mahlke die Erlösung von seinem Leid, und er gibt dem Leben des Jungen gleichzeitig wieder eine Erfülltheit, eine Gelungenheit, einen Sinn: Joachim Mahlke wird noch Generationen zum Nachdenken über eigene Fehler und über Fehler von Mitmenschen anregen. Sein Beispiel kann Probleme beim Miteinander in der Gesellschaft zurück in die Gewissen der Menschen rufen, und es wird dann zur Diskussion über den richtigen Weg zur Lösung dieser Probleme beitragen.

Kategorie: Deutsch | Kommentare (28)