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Interpretation: Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort

von Friedemann Winkler

  • Deutsch-Klausur (Jahrgang 13)
  • 3-stündig
  • 12 Punkte (vor Korrektur)

 

Text 1:
Rainer Maria Rilke:
Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort


Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist Beginn, und das Ende ist dort.


Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.


Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.



Text 2:
Joseph von Eichendorff:
Die Wünschelrute

„Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort,
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort“


Aufgaben:
1. Analysieren und interpretieren Sie das Gedicht „Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort“ von Rainer Maria Rilke. (ca 70%)
2. Erörtern Sie, inwieweit sich die Aussage des Gedichtes in Joseph von Eichendorffs „Wünschelrute“ widerspiegelt. (ca 30%)

1.
In dem Gedicht „Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort“ von Rainer Maria Rilke, das 1899 in dem ersten Gedichtband „Mir zur Feier“ erschienen ist, beschreibt das lyrische Ich seine Angst vor der Sprache der Menschen und begründet sie. Der Autor könnte mit dem Gedicht, wie zu der Zeit der Entstehung weit verbreitet, eine kritische Betrachtung oder vielleicht sogar eine Abwendung von der Sprache zu erreichen gesucht haben.
Das Gedicht ist formal in drei Strophen zu je vier Versen gegliedert. Ein umarmender Reim (a b b a) ist erkennbar, der in der dritten Strophe zu einem Paarreim wird, wobei alle Kadenzen männlich sind. Das Versmaß ist nicht ganz regelmäßig, da die Verse auch nicht gleich lang sind, erinnert aber am ehesten an einen Daktylus.
Die grobe inhaltliche Gliederung folgt der Stropheneinteilung: Während in der ersten Strophe vor allem die Situation beschrieben wird, die Art der Menschen zu sprechen, folgen in der zweiten Strophe die Gründe für die Furcht des lyrischen Ichs. In der letzten Strophe endet das Gedicht mit dem vergeblichen Versuch, die Menschen zu warnen. Hier wird auch zum ersten Mal klar, dass sich das lyrische Ich mit diesem Monolog direkt an die mit „ihr“ (vgl. V.9,11,12) angesprochenen Menschen wendet.
Dieses Motiv der Abgrenzung von allen Menschen wird bei genauerer Betrachtung schon von Anfang an deutlich. Gleich im ersten Vers, sowie der Überschrift, sticht das „der Menschen“ durch die ungewöhnliche Wortstellung hervor. Im zweiten Vers bezieht sich das lyrische Ich mit einem unpersönlichen und unbeteiligten „Sie“ auf die Angesprochenen. Man fragt sich an dieser Stelle, ob es sich beim „Ich“ überhaupt um einen Menschen handelt.
Die Abgrenzung wird bis zur direkten Ansprache in der dritten Strophe beibehalten (vgl. V.5 „ihr“, V.6 „sie“, V.7 „ihnen“, V.8 „ihr“). Trotz der Häufung von Pronomen gibt es in ihrer Verwendung nur wenige Wiederholungen.

Neben der Abgrenzung ist ein weiteres Motiv die Kritik an der Sprache, die hier mit „Wort“ bezeichnet wird. Jeder Gegenstand muss genau („deutlich“ V.2) benannt und in ein Schema eingeordnet werden. Die Starrheit dieses Schemas wird durch den Parallelismus in Vers drei deutlich, verstärkt durch die doppelte Verwendung von „und“ sowie der Einsilbigkeit der vergleichenden Wörter „Hund“ und „Haus“, die auch beide mit einem H beginnen.
Selbst gegenteilige Wörter wie „Beginn“ und „Ende“ (vgl. V.4) können als Chiasmus eingeordnet werden.
Ein weiterer Kritikpunkt ist das „Spiel mit dem Spott“ (V.5), mit dem Ironie und Sarkasmus gemeint sein könnten, die den „Sinn“ des Gesagten verbergen. Die Entwicklung der Menschen durch die Sprache wird als negativ beschrieben. Die Menschen sind „scheinweise“ geworden. Sie meinen, alles beschreiben zu können (V.6), nehmen der Welt damit aber nur ihre Wunder (V.7). Sie fühlen sich schon fast gottgleich (V.8). In der zweiten Strophe fallen die Zusammenhänge der Versenden auf. Es „war“ früher alles „wunderbar“, doch nun wird Gott verspottet (V.5,8). Ziemlich deutlich wird die negative Entwicklung auch in der letzten Strophe, in der das lyrische Ich soweit geht, den Menschen vorzuwerfen, sie würden die Dinge töten, indem sie über sie sprechen (V.11 f.). Die Dinge, die vorher „gesungen“ haben (V.10), erinnern an einen zarten Schmetterling, der bei Berührung durch ein neugieriges Kind verletzt wird.
Hier wird das Motiv der Angst besonders deutlich, das vorher schon in der Überschrift („fürchte“), in Vers 5 („bangt“) und Vers 9 („warnen“, „wehren“) zum Tragen kommt.

Etwas paradox scheint es auf den ersten Blick, dass die „Dinge“ „singen“ sollen, dass sie aber durch Worte getötet werden. In dieser Anthropomorphisierung der Dinge könnte man den Ausdruck des Lebens der Dinge sehen, etwa eine Aura des Geheimnisvollen und Unerklärbaren, dass zum Beispiel eine Naturerscheinung oder auch einen großen Berg (V.7) zu einem „Wunder“ machte. Nun grenzen „Garten und Gut“ (V.8), eine Alliteration, wie sie in diesem Gedicht in fast jedem Vers vorhanden ist, und Klimax, direkt an das Göttliche. Trotz eindeutiger Warnung (V.9) haben die Menschen alles in ihr starres System der Worte gepresst. Vor allem, wenn man bei Worten an Schriftsprache denkt, scheint diese im Vergleich zu einem Lied „stumm“ (V.11), die Dinge verlieren ihre Aura, wenn man sie erklärt (selbst wenn die Erklärung falsch ist). Diese Stummheit wird vom lyrischen Ich mit dem Tod gleichgesetzt. Die Sorge ist so groß, dass das Ich gar von den Dingen Besitz ergreift (V.12 „mir“), um sie vor den Worten zu beschützen.
Im historischen Kontext gesehen erscheint die Interpretation alle dieser Aspekte als eine Kritik des Autors an der Sprache. Um die Jahrhundertwende wandten sich viele Menschen von der Sprache ab, die ihrer Meinung nach nicht gut genug dazu geeignet war, die Dinge zu beschreiben, ohne das Wesentliche an ihnen, das Unbeschreibliche, zu verlieren.
In diesem Zusammenhang sehe ich meine Interpretationshypothese bestätigt, dass Rainer Maria Rilke die Menschen zur kritischen Betrachtung der Sprache bringen wollte.
Wenn dies der Fall sein sollte, kann ich mich seiner Meinung nur begrenzt anschließen. Ich fand das Gedicht zwar interessant, es hat mich nachdenklich gestimmt, aber denn bin ich doch zu dem Schluss gekommen, dass man mit unserer Sprache fast alles hinreichend beschreiben kann und dass die Dinge nicht unbedingt ihre Aura des Wunderbaren verlieren , weil man sie benennt.


2.

Die Aussage des Gedichtes spiegelt sich insofern in Eichendroffs „Wünschelrute“ wider, dass auch hier die Dinge zwar nicht singen, aber doch ein Lied enthalten. Die Dinde werden hier eher abstrakt beschrieben: Personifiziert können sie „schlafen“ (V.1) und „träumen“ (V.2), in ihnen ist etwas enthalten, was nicht durch Worte ausgedrückt werden kann.
Ein wichtiger Unterschied ist allerdings, dass die Dinge hier eher als Subjekt beschrieben werden.
Bei Rilke handeln die Menschen, sie versuchen, etwas zu beschreiben und schaffen es nicht mit ihren Worten. Die Menschen werden in dem Gedicht „Wünschelrute“ gar nicht erwähnt. Hier ist es abstrahiert die „Welt“ (V.3), die handelt und überhaupt erst anfängt zu singen. Wenn die Welt die Lieder der Dinge singt, was man so deuten könnte, dass die Menschen anfangen, die Dinge zu beschreiben, dann erwachen diese erst aus ihrem Schlaf.
Dieses Ereignis wird auch nicht negativ beschrieben. Im Gegenteil hat die Situation etwas Zauberhaftes, das in „Zauberworten“ ausgedrückt werden kann. Es scheint also möglich, die Dinge, obwohl sie so geheimnisvoll sind, zu beschreiben, was der Aussage von „Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort“ widerspricht.

Mit Zauberworten könnte Eichendorff die Lyrik oder Poesie meinen, mit dem Erwachen der Welt das Schreiben von dieser. Die Aussage ist also nicht, dass man sich von der Sprache distanzieren und sie kritisch hinterfragen sollte, sondern eher gerade die Sprache in Form von Poesie benutzen, um die Dinge aus ihrem Schlaf zu erwecken. In den Dingen liegt ein großes Potenzial, hier bezeichnet als ein schlafendes Lied, das von jedem Autor genutzt werden kann.
Diese fast gegensätzliche Aussage im Vergleich zu Rainer Maria Rilke macht deutlich, wie sehr sich die Auffassung von Sprache geändert hat. Als Joseph von Eichendorff 1835 sein Gedicht schrieb, war die Sprachkrise der Jahrhundertwende noch nicht gekommen, man war noch optimistischer und offener. Meiner Meinung nach war das die richtige Einstellung, man sollte ruhig versuchen, die Wunder der Welt zu beschreiben. Selbst das, was man nicht in Worte fassen kann, lässt sich vielleicht zwischen den Zeilen lesen, sodass ein wenig Optimismus gerechtfertigt ist.

Kategorie: Deutsch | Kommentare (34)