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Deutsche Außenpolitik unter Stresemann und Hitler

Von Nadine Theiler

  • Geschichts-Klausur (12. Jahrgang)
  • 2-stündig
  • 14 Punkte (vor Korrektur)

Aufgaben

1. Arbeiten Sie aus dem vorliegenden Text Hitlers Urteil über die Verträge von Locarno heraus! (Bitte keine Textparaphrase!) (30 %)

2. Zeigen Sie anhand des Vertragswerks von Locarno die außenpolitische Konzeption Stresemanns auf, und grenzen Sie diese ab von der außenpolitischen Konzeption Hitlers und deren praktischen Umsetzung! (35%)

3. Setzen Sie sich kritisch mit dem im Textmaterial geäußerten Urteil Hitlers über die Außenpolitik der Weimarer Politik auseinander! (35 %)

 

Material (Auszug aus Hitlers Buch „Mein Kampf, erstmalig erschienen Ende des Jahres 1925, zitiert nach der Ausgabe von 1942, S. 761 f)


Sieben Jahre nach dem November 1918 wurde der Vertrag von Locarno unterzeichnet!

Der Hergang war dabei der oben schon angedeutete: Sowie man einmal den schandbaren Waffenstillstand unterschrieben hatte, brachte man weder die Tatkraft noch den Mut auf, den sich später immer wiederholenden Unterdrückungsmaßnahmen der Gegner nun plötzlich Widerstand entgegenzusetzen. Diese aber waren zu klug, auf einmal zuviel zu fordern. Sie beschränkten ihre Erpressungen stets auf jenen Umfang, der ihrer eigenen Meinung nach - und der unserer deutschen Führung - augenblicklich noch so weit erträglich sein würde, daß eine Explosion der Volksstimmung dadurch nicht befürchtet zu werden brauchte. Je mehr aber an solchen einzelnen Diktaten unterschrieben und hinuntergewürgt worden war, um so weniger schien es gerechtfertigt, wegen einer einzelnen weiteren Erpressung oder verlangten Entwürdigung nun plötzlich das zu tun, was man wegen so vieler anderer nicht tat: Widerstand zu leisten. Dies ist eben jener "Gifttropfen", von dem Clausewitz (1) spricht: die zuerst begangene Charakterlosigkeit, die sich selbst immer weiter steigern muß und die allmählich als schlimmstes Erbe jeden künftigen Entschluß belastet. Sie kann zum furchtbaren Bleigewicht werden, das ein Volk dann kaum mehr abzuschütteln vermag, sondern von dem es endgültig hinuntergezogen wird in das Dasein einer Sklavenrasse.
So wechselten auch in Deutschland Entwaffnungs- und Versklavungsedikte, politische Wehrlosmachung und wirtschaftliche Ausplünderung miteinander ab, um endlich moralisch jenen Geist zu erzeugen, der im Dawesgutachten ein Glück und im Vertrag von Locarno einen Erfolg zu sehen vermag. Man kann dann freilich, von einer höheren Warte aus betrachtet, von einem einzigen Glück in diesem Jammer reden, dem Glück, daß man wohl Menschen betören, den Himmel aber nicht bestechen konnte. Denn dessen Segen blieb aus: Not und Sorge sind seitdem die ständigen Begleiter unseres Volkes geworden, und unser einziger treuer Verbündeter ist das Elend. Das Schicksal hat auch in diesem Falle keine Ausnahme gemacht, sondern uns gegeben, was wir verdienten. Da wir die Ehre nicht mehr zu schätzen wissen, lehrt es uns wenigstens die Freiheit am Brote zu würdigen. Nach Brot haben die Menschen nun schon zu rufen gelernt, um Freiheit aber werden sie eines Tages noch beten.

Hinweis zum Text:
(1) von Clausewitz (1780-1831), preußischer General und Militärtheoretiker

 

 

1.

Hitler betrachtet die Verträge von Locarno als bisherigen Höhepunkt einer langen Serie von „Unterdrückungsmaßnahmen“ (Z.6). Diese habe mit dem Waffenstillstand am Ende des Ersten Weltkriegs ihren Anfang genommen, sei durch weitere „Diktate“ (Z.12) fortgesetzt worden und habe so letztendlich zu einer Entwicklung geführt, durch die die objektive Betrachtung der Ereignisse durch die Deutschen nicht mehr gegeben sei (Z.25ff): Deren Blickwinkel habe sich nämlich dahingehend verschoben, dass sie in eigentlichen außenpolitischen Misserfolgen (wie zum Beispiel den Locarno-Verträgen) nun Erfolge erkennen würden.

Diese Fehleinschätzung der außenpolitischen Ereignisse sei, so behauptet Hitler, eine Folge der großen Zahl unterdrückender Verträge, die das deutsche Volk bereits „hinuntergewürgt“ (Z.13) habe. Die Forderungen dieser Verträge habe das Ausland bewusst in einem gemäßigten, für die deutsche Regierung gerade noch akzeptablen Rahmen gehalten, um Widerstand der Deutschen zu verhindern (Z.7ff).

So sei nun auch tatsächlich der deutsche Widerstand ausgeblieben (was Hitler als „Charakterlosigkeit“ (Z.18) bezeichnet) und mit jeder weiteren Unterzeichnung eines internationalen Vertrages habe die Rechtfertigung dafür, nun doch Widerstand zu leisten, abgenommen (Z.12ff).

Setze sich diese Entwicklung fort, so folgert Hitler, käme dies einem vollkommenen Verlust der Freiheit des deutschen Volkes gleich, welches dann nur noch als „Sklavenrasse“ (Z.22) existieren würde.

Hitler gibt jedoch auch einen Ausblick auf die Zukunft: Da das deutsche Volk bereits gegen existenzielle Bedrohungen (Armut) ankämpfen, sei auch mit einem Aufbegehren gegen Unterdrückung und Unfreiheit zu rechnen (Z.35ff).

 

2.

An den Bestimmungen der Verträge von Locarno lässt sich Stresemanns außenpolitische Konzeption gut erkennen:

- Deutschland erkannte seine Westgrenze an, entsprach damit Forderungen des Versailler Vertrages und dem Wunsche Frankreichs, demonstrierte Friedens- und Konzessionsbereitschaft und strebte nach einer Annäherung an die Westalliierten (besonders Frankreich), die den vorangegangenen Vertrag von Rapallo (1922) misstrauisch als Unterlaufung des Versailler Vertrages ausgelegt hatten.

- Es kam zwar zur Einigung über Deutschlands Ostgrenzen, allerdings blieb die Revision des Versailler Vertrags mit friedlichen Mitteln auch unter Stresemann Kernziel der deutschen Außenpolitik. Durch diese Offenhaltung der Option zwischen Ost und West wird jedoch auch der deutsche Wunsch nach intensivierter Kooperation mit der Sowjetunion deutlich (selbst wenn sich dadurch die deutsch-polnischen Konflikte verschärfen sollten). Friedensbereitschaft signalisiert Stresemann jedoch erneut, indem er Polen und Tschechoslowakei friedliche Absichten zusichert.

- Stresemann setzte sich für die Mitgliedschaft Deutschlands im Völkerbund ein, die er 1926 auch tatsächlich erreichte. Den Weg dafür geebnet hatte neben seinen diplomatischen Bemühungen (siehe oben) vor allem auch die Abschwächung der Völkerbundsatzung (Art.16, keine Automatik bei Sanktionen gegen die Sowjetunion.

Die Erfolge dieser Politik Stresemanns zeigten sich 1925 wie auch in den folgenden Jahren (1925: Räumung der Kölner Zone, 1926: Beitritt Deutschlands in den Völkerbund (siehe oben), 1927: Ende der alliierten Militärkontrolle in Deutschland, 1928: Briand-Kellog-Pakt).

Im Gegensatz zu Stresemann lehnte Hitler die Mitgliedschaft in internationalen Organisationen, besonders dem Völkerbund (dem „Siegerorgan“ --> Mitgliedschaft implizierte Einhaltung des Versailler Vertrages) ab und forcierte bilaterale Bündnisse (Austritt aus dem Völkerbund 1933). Diese Bündnisse wiederum hatten in der ersten Phase Hitlers Außenpolitik nach außen hin dieselbe Zielsetzung wie bei Stresemann: Demonstration von Friedensbereitschaft (1934: Nichtangriffspakt mit Polen, 1935 Flottenabkommen mit Großbritannien). Tatsächlich verfolgte Hitler damit jedoch das Ziel, seine wahren Ziele zu verschleiern (die Annexion des Saargebiets, Österreichs sowie des Sudetenlandes rechtfertigte er mit dem Selbstbestimmungsrecht der dort lebenden deutschen Bevölkerung). Durch gezielte Brüche des Versailler Vertrages (im Gegensatz zu Stresemann, der diesen überwiegend zu erfüllen versuchte), lotete Hitler außerdem die Lage in Europa aus und wollte die Reaktionen Frankreichs, Großbritanniens und Italiens auf derartige Provokation erproben.

Auf diese Weise realisierte er die ersten Phasen seines außenpolitischen Programms (Bündnisfähigkeit, Großgermanien) ohne kriegerische Auseinandersetzungen.

Seit 1938 glaubte Hitler jedoch, sich eine offene Politik der Gewalt, Drohung und des Terrors leisten zu können, die im vollkommenen Gegensatz zur Politik Stresemanns stand und auf die Erreichung der noch verbliebenen Ziele Hitlers zielte (Krieg gegen Frankreich, Hegemonialstellung in Mitteleuropa, Lebensraumkrieg gegen die Sowjetunion, Errichtung eines deutschen Weltreiches).

 

3.

Hitlers Urteil über die Außenpolitik der Weimarer Politik kann ich nicht zustimmen.

Zunächst ist zu sagen, dass im deutschen Volk durchaus der Wille zum Widerstand gegeben war und die Revision des Versailler Vertrages lange wichtigstes Ziel der deutschen Außenpolitik blieb. Vielmehr waren es die äußeren Umstände nach dem Ersten Weltkrieg, die verhinderten, dass Deutschland sich gegen den Versailler Vertrag zur Wehr setzen konnte.

Ebenfalls widersprechen muss ich Hitlers Beurteilung des Dawes-Plans sowie der Locarno-Verträge als außenpolitische Misserfolge: Der Dawes-Plan koppelte die Reparationsforderungen an Deutschlands tatsächliche Zahlungsfähigkeit, räumte Anleihen bei amerikanischen Banken ein und trug somit zu einer Erholung der deutschen Wirtschaft bei. Die Erfolge der Locarno-Politik habe ich bereits in Aufgabe zwei erläutert.

Hitlers Vorstellungen einer außenpolitischen Ordnung sind, das ist auch in diesem Text erkennbar, von Größenwahn geprägt: Eine vollständige Revision des Versailler Vertrages, wie er sie anstrebt, ist nicht realisierbar. Brüche des Versailler Vertrages hätten in der Situation von 1925 unter Umständen zu einem für Deutschland inakzeptablen Krieg geführt. Hitlers Weltbild jedoch scheint keine friedlichen Lösungen zu kennen. Sämtliche zwischenstaatlichen Beziehungen betrachtet er nach sozialdarwinistischer Lehre als „Kampf“, sieht das deutsche Volk schon als „Sklaven“ und ist auf diese Weise nicht zu einem objektiven Urteil über die Situation fähig. Eine diplomatische Außenpolitik, die nach friedlicher Lösung von Konflikten strebt und dafür auch Konzessionen in Kauf nimmt, ist meiner Meinung nach generell und insbesondere in der Situation nach dem Ersten Weltkrieg zu bevorzugen.

Kategorie: Geschichte | Kommentare (12)