1586136 Besucher [168 Heute]
Erörterung: Der Locarno-Vertrag - ein neuer europäischer Geist?

von Nadine Theiler

  • Geschichts-Aufsatz (Grundkurs 12)

Ausdrücklich positiv sowie als ersten Schritt zur gemeinsamen Arbeit und Regelung aller Streitigkeiten in Frieden betrachtete Frankreichs Außenminister den Locarno-Pakt. Mit dieser Sichtweise und der Hoffnung auf Verständnis im französischen Volk war Briand  den meisten Franzosen weit voraus. Denn diese beharrten kompromisslos auf den Forderungen des Versailler Vertrags und wollten durch dessen erneute Bestätigung vor allem Rache an Deutschland geübt wissen. Doch sobald in dieser Beziehung das Verlangen der Franzosen sowie ihr Sicherheitsbedürfnis befriedigt seien, so argumentiert Briand, wären eine Entspannung der Situation und friedliche Zusammenarbeit möglich. Der Vertrag diente also primär der Friedenssicherung.
Aus deutscher Sicht stellten auch die Entmilitarisierung des Rheinlandes, die daraus resultierende Entspannung der Lage in diesem Gebiet und die Absicherung vor weiteren territorialen Sanktionen positive Aspekte des Vertrages dar. Das Verhältnis zu den anderen europäischen Staaten verbesserte sich außerdem entschieden. Eine Entwicklung, die jedoch auch nötig war, um endlich eine europäische Gemeinschaft zu bilden, zu der auch Deutschland gehörte und die vor allem die Notlage Deutschlands als Bedrohung für ganz Europa wahrnahm.
Ebenso sollte beachtet werden, dass die Bevölkerung der Gebiete, die nun endgültig Frankreich zugeschrieben wurden, sich immer diesem Staat zugehörig gefühlt hatte und über die bisherige Situation sehr unglücklich gewesen war. Für sie ist die Änderung also auch als positiv zu bewerten.

Besonders entschieden protestierten die nationalistisch gelagerten Parteien, vor allem die NSDAP, gegen den Locarno-Vertrag: Der endgültigen Abtretung von Elsass-Lothringen und Eupen-Malmedy, wie sie eigentlich bereits im Versailler Vertrag festgelegt wurde, könne unter keinen Umständen zugestimmt werden.
Doch auch die KPD sah in jenem Pakt vor allem eine Annäherung Deutschlands an die Westmächte und somit auch den Kapitalismus. Sowohl das Ziel der europaweiten Verbreitung des kommunistischen Systems als auch die Sowjetunion selbst rückte dadurch in weite Ferne. Obwohl das Bündnis zwischen dieser und Deutschland erst im Rapallo-Vertrag besiegelt worden war, befürchtete die KPD bereits die "Feindschaft (...) gegen Sowjetrussland" (Z.12). Ebenso warnt diese Partei vor einer Friedensgefährdung, die in gewisser Weise auch denkbar erscheint, da bestimmte Kräfte in Deutschland den Vertrag und vor allem dessen erneute Bestätigung der Regelungen von Versailles als  Unrecht betrachten und ihre Meinung propagieren.

Anzunehmen, durch den Vertrag von den Locarno seien die Konflikte zwischen Deutschland und den anderen europäischen Staaten zum Großteil beigelegt, wäre wohl eindeutig die zu illusionäre Betrachtungsweise. Doch unbestreitbar sind ebenso die Basis, die durch diese Einigung für eine weitere friedliche Zusammenarbeit gelegt wurde, sowie die Tatsache, dass  Deutschland spürbar in eine bessere Position in der internationalen Politik rückte. Obgleich der Vertrag später von den Nationalsozialisten zur Verleumdung des sozialdemokratischen Außenministers genutzt wurde, ist er in der momentanen Situation als eindeutig positiv einzustufen, zumal er auch den Weg zum Beitritt Deutschlands in den Völkerbund (1926) ebnete.

Kategorie: Geschichte | Kommentare (3)