1637511 Besucher [199 Heute]
Frankreich vor 1789

von Nadine Theiler

  • Geschichts-Klausur (11. Jahrgang)
  • 2-stündig
  • 14 Punkte (vor Korrektur)


Frankreich vor 1789

1. Stellen Sie die Forderungen der Adligen in Text A der wirtschaftlichen Situation und den geistesgeschichtlichen Strömungen im Frankreich vor 1789 kritisch gegenüber.

2. Beurteilen Sie die Argumentation Christian Meyers in Text B unter Berücksichtigung der Ihnen bekannten Verfassungskontroverse und den Ausführungen Hegels!


Text A - Forderungen des Adels vor 1789

„Die Garantie der persönlichen Steuerfreiheit und der Auszeichnungen, die der Adel zu allen Zeiten genossen hat, sind Eigenschaften, die den Adel besonders hervor­heben und die nur dann angegriffen und zerstört werden "können, wenn die Auflösung der allgemeinen Ordnung erstrebt wird. Der Adel von Amont fordert also, daß die Ordnung, an der er teilhat, mit allen persönlichen Vor­rechten erhalten werde.'' (Nach M. Chaulanges, Textes historiques. L'epoque de la revolution. Paris 1959. S. 13.)

„Diese Ordnung hat ihren Ursprung in göttlichen Institutionen die unendliche und unabänderliche Weisheit im Weltenplan hat die Macht und die Gaben ungleichmäßig verteilt. Die französische Monarchie besteht, auf Grund ihrer Verfassung, aus verschiedenen und getrennten Ständen. Diese Unterschiede sind zur gleichen Zeit mit der Nation und mit unseren Sitten und Gebräuchen ent­standen." (Nach R. Palmer, The Age of Democratic Revo­lution. Princeton 1959. S. 480.)

Text B

Ob er durch den Gebrauch, den er von seiner Machtfülle machte, breitere Kreise von seinen überragenden Fähigkei­ten überzeugen, seinen Sieg und seine Herrschaft annehm­bar machen konnte (oder ob er dies glaubte), ist nicht bezeugt. Daß Cicero davon nicht beeindruckt war, besagt nicht viel. Jedenfalls hatte dieses rastlose Schaffen, auch wenn wohl keiner es von Caesar verlangt hatte, etwas Impo­santes; so wie die Eroberung Galliens und die Führung des Bürgerkrieges es gehabt hatten, die Caesar auch eher für sich als im römischen Interesse vollbrachte. In diesem Schaffen bewährte und bestätigte sich sein außerordentlich hoher Anspruch an sich selbst, seine außerordentliche Überlegen­heit über alle anderen: das auf Grund der Ablösung aus den herkömmlichen Bindungen maßlos gewordene Leistungs­streben und -bewußtsein.

Wenn Caesar freilich seine Macht in den Verhältnissen derart intensiv und großartig einzusetzen wußte, so besagt dies noch keineswegs, daß er auch Macht über die Verhält­nisse gewonnen hätte. In Hinsicht auf die politische Ordnung stehen wir vor einem eigenartigen Befund. " Erstens ist damals viel geschehen, um durch Vollmachten und tßhren für Caesar eine weit über alle anderen hinausge­hobene Stellung aufzubauen. In aller Regel wird daraus heu­te der Schluß gezogen, er habe eine Monarchie begründen wollen. Zweitens haben zahlreiche prominente Zeitgenos­sen, unter ihnen Cicero und Brutus, trotzdem längere Zeit überstandig oder wiederholt die Hoffnung oder gar Erwar­tung gehegt, Caesar werde die res publica wiederherstellen. Es mag zu fragen sein, was sie darunter verstanden und mit welchen Modifikationen der res publica sie rechneten. Denn das Wort bedeutete damals primär »Gemeinwesen«, es ent­sprach insofern etwa unserem »Staat«. In der Anwendung auf Rom war damit zwar eine bestimmte Verfassung ge­meint. Aber um der rechtlichen Ordnung willen konnten viele Einzelheiten variieren. Gleichwohl kann kein Zweifel daran sein, daß die Vorstellung dieser Herren eine Monar­chie, lateinisch gesprochen: ein regnum, also die dauernde herrscherliche Gewalt eines Einzelnen ausschloß. Sofern Caesars Macht über den republikanischen Rahmen hinaus­ging, scheinen sie dies demnach für ein Provisorium gehal­ten zu haben. Caesar hat dem nicht widersprochen, er hat offenkundig niemals Absichten auf Begründung einer anderen Ordnung öffentlich geäußert. Wir hören auch nichts davon, daß irgendwer gewußt und verstanden hätte, was gespielt wurde. Selbst Caesars engste Vertraute waren sich offenbar im unklaren darüber, was er eigentlich wollte. Sobald er offen auf die Monarchie zuzusteuern schien, schlössen sich einige seiner prominenten Anhänger der Ver­schwörung an: Sie waren davon offenbar überrascht. Cicero, der im allgemeinen mit Respekt von Caesar sprach, behaup­tete zuweilen, daß er gar nicht Herr seiner Entschlüsse wäre, weil er zu viele Rücksichten zu nehmen hätte. Er hatte zeit­weise den Eindruck, Caesar wisse selber nicht, was er wolle.



1.

Die Adligen fordern, die bestehende Ordnung, also auch alle Privilegien des Adels (und des Klerus) zu erhalten (Z. 6ff). Dazu gehören vor allem die Steuerfreiheit, bezogen auf den zweiten Stand jedoch ebenso Feudalrechte sowie Ehrenpositionen im Staat.

Mit der im Frankreich vor 1789 vorherrschenden Wirtschaftslage war diese Forderung unvereinbar: Die Führung des Hofstaates, die Beschäftigung zahlreicher Beamter sowie eines stehenden Heeres und die Verwaltung von Kolonien verursachten hohe Kosten. Zusätzlich trat durch Missernten, Viehseuchen sowie die Konkurrenz englischer Unternehmen in der Textilindustrie eine Wirtschaftskrise ein. Als diese nun auch durch kleinere Reformen nicht zu bewältigen war, wollte der König das Steuersystem reformieren und eben genau jenes Privileg der Steuerfreiheit der beiden oberen Stände abschaffen. Wie in der Quelle zu erkennen ist, regte sich gegen dieses Vorhaben jedoch vehementer Protest unter den Adligen.

Auch zur Philosophie der Aufklärung, einer im Frankreich des 18. Jahrhunderts sehr verbreiteten Geistesströmung, standen die in Text A deutlich werdenden Forderungen der Adligen im Gegensatz: Anders als der Verfasser der Quelle (Z.12) gingen die Aufklärer nämlich von einer naturgegebenen Gleichheit aller Menschen aus. Aus dieser leiteten sie ein Recht auf Freiheit, Rechtsgleichheit, Selbstbestimmung sowie Eigentum ab. Laut Meinung der Aufklärer war der Staat außerdem durch eine Vereinbarung freier Menschen, eine Art „Gesellschaftsvertrag“ entstanden. Der Herrscher regiere demzufolge nicht aufgrund göttlicher Legitimation, welche der Verfasser hier als Rechtfertigung der Ständegesellschaft anführt (Z. 10ff), sondern weil ihm die Macht durch seine Untertanen übertragen worden sei.

Der Verfasser geht davon aus, dass der „Weltenplan“ (Z. 12) durch „unabänderliche Weisheit“ (Z. 11) bereits festgelegt sei. Schon der englische Staatstheoretiker John Locke war jedoch der Meinung, dass der oben beschriebene „Gesellschaftsvertrag“ auch widerrufbar sei, wenn der Staatszweck, d. i. die Sicherung von Freiheit, Leben und Eigentum der Bürger, nicht erreicht werde. Auch die Ständeordnung sei also widerrufbar und nicht etwa gottgegeben oder unabänderlich.

2.

Meyer stellt in seinem Text die These auf, dass die Herrschaftsform bzw. politische Ordnung während Cäsars Diktatur nicht eindeutig festzulegen sei (Z. 20): Zwar würden sowohl die Machtfülle (Z. 21) als auch die zahlreichen Ehrungen (Z. 22) des Politikers auf eine Monarchie hinweisen, da Cäsar durch sie eine „weit über allen anderen“ stehende Position erhalten habe (Z.22f). Doch selbst wenn sein Verhalten zum Ende eine angestrebte Monarchie hätte vermuten lassen (Z.47), hätten zunächst einige Tatsachen gegen diese Herrschaftsform gesprochen: Zum Einen hätten Cicero und Brutus lange Zeit noch auf eine Wiederherstellung der Republik gehofft (Z.25ff) (wenngleich sie sich eine Monarchie ohnehin nur als Übergangslösung hätten vorstellen können (Z.35ff)); zum Anderen hätten auch Cäsars eigenes Verhalten sowie seine Äußerungen keinerlei Hinweis auf eine angestrebte Königsherrschaft gegeben (Z.47f).

Niemand habe also wirklich die Ziele des Diktators gekannt (Z.45f) und ebenso wenig sei es heute möglich, diese zu ergründen.
Im Gegensatz zu Meyer betrachtet Hegel das Vorgehen Cäsars, also einen Teil der römischen Revolution, nicht als zufällig oder sogar als ein Handeln, über das sich der Diktator selbst nicht ganz klar war, sondern vielmehr als eine Notwendigkeit. Zwar sei sich Cäsar seines „welthistorischen Auftrags“, wie ihn Hegel nennt, nicht bewusst gewesen, sondern hätte praktisch und im Sinne eigener Zwecke gehandelt, diese jedoch hätten eine recht große Schnittmenge mit dem „Willen des Weltgeistes“ gebildet. Und dieser habe im Falle Roms eben in der Errichtung einer Alleinherrschaft bestanden, da die Republik aufgrund von Anarchie, Parteienwirtschaft eines machtlosen Senats und fehlender Bindung der Bürger an den Staat keinen Halt mehr besessen habe. Dieser hätte lediglich im Willen eines einzelnen Individuums gefunden werden können.

Meyer stimme ich insofern zu, als dass ich es tatsächlich nicht für möglich halte, genaue Rückschlüsse auf Cäsars Absichten zu ziehen. Dennoch hat dieser den Weg für eine Kaiserherrschaft geebnet, die ja, so Hegel, eine, welthistorisch betrachtet, Notwendigkeit war.

Kategorie: Geschichte | Kommentare (11)