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Rembrandt - Der Verlorene Sohn

von Beebie

 

  • Kunstreferat (Jahrgang 11)
  • 10 Minuten
  • 15 Punkte

 

 

Rembrandt - Der Verlorene Sohn

 

1.Künstler

 

Rembrandt Harmenszoon van Rijn wurde am 15. Juli 1606 in Leiden als Sohn eines Müllers geboren. Als Junge besuchte er die Lateinschule und schrieb sich später an der Philosophischen Fakultät der Universität ein. Dieses Studium beendete er aber nicht, sondern begann eine Malerlehre, bildete sich in Amsterdam weiter und eröffnete um 1625 eine eigene Werksatt in Leiden, wo er auch Schüler ausbildete.

1631 zog Rembrandt nach Amsterdam, wo er für den Kunsthändler Hendrick Uylenburgh arbeitete und bald zahlreiche Portraitaufträge erhielt. Wenig später lernte er Uylenburghs Cousine Saskia kennen, die er 1634 heiratete. Damit hatte der Künstler nicht nur über seinen Stand geheiratet, sondern war durch Saskias Erbe auch vermögend geworden.

Er trat nun der Lukas-Gilde bei und konnte als freier Maler arbeiten. Kurz nach der Geburt seines Sohnes Titus starb Rembrandts Frau Saskia. In den nächsten Jahren wurde er von einer Kinderfrau begleitet, die 1649 von der 22-jährigen Hendrickje Stoffels abgelöst wurde. Mit ihr hatte Rembrandt eine Tochter.

1656 musste er Konkurs anmelden, sodass er sein großes Haus nie abbezahlen konnte. Er hatte über seine Verhältnisse gelebt: beispielsweise hatte er seine eigenen Werke zu Höchstpreisen zurückgekauft, um seinen Wert als Maler zu steigern. Doch die Geschichten, die aus ihm einen armen Maler machen, sind falsch. Seine Frau und sein Sohn Titus gründeten eine Kunsthandlung, in deren Auftrag Rembrandt nun arbeitete.

1669 starb er im Alter von 63 Jahren. Rembrandt revolutionierte das Gruppenbild, malte Geschichten aus der Bibel und von Heiligen ebenso wie aus der antiken Mythologie. Er zeichnete, arbeitete als Radierer und illustrierte die Bibel. Bekannt wurden auch seine zahlreichen Selbstbildnisse.

Seine Biographie ist mit so vielen Legenden angereichert, dass es nicht immer leicht ist, beides auseinander zu halten und bei vielen seiner Bilder streiten sich die Forscher, ob diese eigenhändig sind oder nur aus seiner Werkstatt stammen.

Zu seinen bekanntesten Werken zählen „Die Nachtwache“, „Die anatomische Vorlesung des Dr. Nicolas Tulp“ und „Der Verlorene Sohn“.

 

 

2. Das Bild

 

Fakten:

 

Öl auf Leinwand

Maße: 262cm x 206cm

Momentaner Aufenthaltsort: Sankt Petersburg

 

 

 

 

Bildbeschreibung:

 

Auf dem Gemälde ist eine Gruppe von fünf Männern zu sehen. Im linken Vordergrund kniet eine Gestalt, die dem Betrachter den Rücken zuwendet. Über ihr lehnt ein leicht nach vorn gebeugter älterer Mann. Neben diesen Personen, die den größten Teil der linken Bildhälfte einnehmen, befindet sich auf der rechten Seite eine große, aufrecht stehende Gestalt, hinter der leicht versetzt ein weiterer Mann sitzt.

Im Hintergrund links erkennt man die schwachen Umrisse einer Frauengestalt und in der Mitte des Bildes steht ein Mann, der das Geschehen aus dem Hintergrund beobachtet.

Der Kniende trägt ein zerschlissenes, leinenfarbenes, einfach gegürtetes Unterkleid. Das einfache Schuhwerk ist abgenutzt. Der linke Fuß ruht – mit der nackten Fußsohle zum Betrachter – neben dem ausgezogenen Schuh. Der rechte Fuß ist durch blutige Schrammen leicht verletzt. An der rechten Seite des Mannes erkennt man in einem Schaft den Knauf eines kurzen  Schwertes. Die offensichtlich nach vorne gehobenen Arme des Mannes sind fast ganz vom Oberkörper verdeckt. Er hält die Augen verschlossen und ruht mit dem kahlgeschorenen, leicht zur rechten Seite gedrehten Kopf an der Brust des über ihm lehnenden Alten.

Dessen offene, leicht gespreizte Hände ruhen etwas versetzt auf dem Rücken und der Schulter des Knienden. Sein Gesicht ist leicht nach rechts gebeugt. Die Augen scheinen fast geschlossen zu sein. Gerahmt wird sein Gesicht von einer gebundenen Kopfbedeckung, grauem Kopfhaar und einem langen, leicht in der Mitte geteilten Bart. Über den Schultern trägt der Mann einen kurzen, bis zu den Unterarmen rechenden roten Umhang. An den Armen ist Schmuck zu erkennen.

Abgesetzt durch zwei Stufen steht auf der rechten Seite eine große Gestalt. Sie trägt eine Kopfbedeckung, hat einen langen, roten Umhang und trägt feste Stiefel. Das bärtige, helle Gesicht ist leicht nach unten geneigt. Die zusammengelegten Hände ruhen auf einem dünnen Stock.

Links neben ihm sitzt mit übergeschlagenem Bein ein Mann mit einem dunklen Hut. Er fasst sich mit der rechten Hand an die linke Brust. Die beiden weiteren Personen befinden sich fast gänzlich in der Dunkelheit, wodurch man ihre Kleidung und Körperhaltung nicht erkennen kann.

 

 

Untersuchung der gestalterischen Mittel:

 

Im Ganzen wirkt die Szene recht dunkel, sie wird aber von einer sich auf der linken Seite befindenden Lichtquelle in ein warmes, schwaches Licht getaucht. Es rückt den Knienden und die über ihm lehnende Person in den Mittelpunkt und symbolisiert eine tiefe Verbundenheit der beiden Männer. Außerdem lässt das Licht die Hände des älteren Mannes auffällig wirken. Diese sind nämlich keinesfalls gleichgroß. Bei einem Meister wie Rembrandt kann man davon ausgehen, dass er damit eine gewisse Absicht verfolgt hat: Die linke Hand ist stark wie die eines Vaters, die rechte zärtlich wie die einer Mutter. Seine Hände scheinen Licht auszustrahlen.

Das Licht erleuchtet auch das Gesicht des Mannes am rechten Bildrand. Sein Körper liegt jedoch im Halbdunkeln, obwohl er theoretisch genauso hell sein müsste. Das Licht lädt ihn zur Anteilnahme an der Verbundenheit ein, er aber kann nicht.

Betrachtet man das Bild im Gesamten, fällt der starke Hell-Dunkel-Kontrast auf, der die Personen in der linken Bildhälfte zusätzlich in den Vordergrund rückt.

Zur Farbwahl: Der rote Umhang des Älteren lässt ihn wohlhabend erscheinen und steht in starkem Kontrast zu der Kleidung des Knienden. Dessen Gewand ist in einem Braunton gehalten und wirkt ärmlich. Die auf den Stock gestützte Person trägt einen ähnlichen Umhang wie der alte Mann und ist somit ebenfalls als wohlhabend zu identifizieren. Pinselstriche sind auf dem ganzen Bild nicht zu erkennen.

Durch die Anordnung der Personen wirkt die Szene seht ruhig und nicht bewegt. Der Fluchtpunkt liegt auf der Stelle, an der der Kopf des Knienden die Brust des Alten berührt. Somit wird das Geschehen um die beiden Personen zusätzlich in den Mittelpunkt gerückt.

Zur Symbolik: Die Hände, die auf dem knienden Mann ruhen, sind ein Symbol der Vergebung und der Liebe des alten Mannes. Dessen Mantel wirkt wie die Flügel einer Henne und hat somit etwas Mütterliches. Der kahlgeschorene Kopf des jungen Mannes symbolisiert Erniedrigung. Beispielsweise wurden Gefangenen die Haare abgeschnitten. Außerdem trägt der Mann keinen stolzen Degen, lediglich einen kleinen Dolch. Eine letzte Würde ist ihm zwar geblieben, aber er hat nichts mehr zu bieten.

 

Kunsthistorische Einordnung: Das Gemälde ist in die Zeit des Barock einzuordnen. Hinweise hierfür bieten der starke Hell-Dunkel-Kontrast, die Wahl des biblischen Themas, der moralische Aspekt, sowie die verwendeten Braun-Töne.

 

 

Interpretation:

 

Das Bild veranschaulicht Rembrandts Interpretation des Gleichnisses vom verlorenen Sohn aus dem Lukas-Evangelium. In diesem Gleichnis verlangt der jüngere Sohn von seinem reichen Vater seinen Erbteil. Sobald er sein Geld erhält, geht er ins Ausland und verprasst es. Er wird zum Bettler und arbeitet als Schweinehirte. Nach einiger Zeit kehrt er reumütig zum Vater zurück und bekennt sich zu seiner Sünde. Der Vater ist so froh über die Rückkehr des Sohnes, dass er ein großes Fest für ihn veranstaltet. Der ältere Sohn ärgert sich über das Verhalten des Vaters. Das Bild stellt den Moment der Rückkehr des Sohnes dar.

Rembrandt zeigt zwei zeitlich nacheinander stattfindende Ereignisse auf demselben Bild. Der ältere Bruder war im Moment der Rückkehr gar nicht dabei. Er drückte sein Missfallen erst später aus.

Der Kniende und der gebeugte Alte sind also Vater und Sohn. Die Vergebung des Vaters ist ein zutiefst inneres Geschehen, das durch die behutsame Berührung und die geschlossenen Augen des Vaters und Sohnes unterstrichen wird. Die Vorbehaltlosigkeit der Beziehung wird durch die Gegensätzlichkeit im Äußeren noch verstärkt. In Vater und Sohn begegnen sich Jung und Alt, Armut und Reichtum. Während der Vater steht, kniet der Sohn, während der Vater aus dem Haus getreten ist, kommt der Sohn aus der Fremde. Der Mann erkennt seinen Sohn nicht mit den Augen des Körpers, die geschlossen sind, sondern mit den Augen des Herzens.

Der Mann an der rechten Bildseite ist der älteste Sohn. Seine Körperhaltung ist sprechend: Die Arme hat er eng an die Brust gezogen, sein Umhang ist eng anliegend, nicht weit und bergend wie der des Vaters. Er scheint gar keinen Gefallen an der Szene zu finden. Der Sitzende ist ein Verwalter, der die Sünder und Zöllner der biblischen Geschichte vertritt. Rembrandt greift damit zurück auf eine Maltradition seiner Zeit, die das Gleichnis des verlorenen Sohnes mit der Geschichte des Zöllners kombinierte.

Einigen Interpretationen zufolge malt Rembrandt hier sich selbst als verlorenen Sohn und drückt damit seine Sehnsucht aus, einen gnädigen Vater im Himmel zu finden.

 

 

 

Kategorie: Kunst | Kommentare (1)