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Seneca - Epistulae Morales: Das Erlernen von Tugenden

von Beebie

 

  • Lateinklausur (Leistungskurs 11)
  • Thema: Seneca, Epistulae morales: Das Göttliche im Menschen
  • 2-stündig
  • 15 Punkte

 

Seneca Lucilio suo salutem [...]

Virtutes discere vitia dediscere est. Sed eo maiore animo ad emendationem nostril debemus accedere, quod semel traditi nobis boni perpetua possessio est. Non dediscitur virtus. [...] Sed quemadmodum virtutes receptae exire non possunt facilisque earum tutela est, ita initium ad illas eundi arduum est, quia hoc proprium imbecillae mentis atque aegra: formidare inexperta. Itaque cogenda est, ut incipiat. Deinde non est acerba medicina. Protinus enim delectate, dum sanat. Aliorum remediorum post sanitatem voluptas est; philosophia partier et salutaris et dulcis est. Vale.

 

Hilfen:

eo maiore: umso entschlossener

perpetua: dauerhaft, bleibend (hier Prädikatsnomen)

hoc: folgende Verhaltensweise

cogenda est /incipiat: Ergänze als Subjekt „mens"

protinus: ja sogar

delectat /sanat: Ergänze als Objekt „nos"

 

Aufgaben:

 

  1. Übersetzen Sie den vorliegenden Text verständlich!
  2. Geben Sie die Hauptgedanken des Textes in eigenen Worten wieder!
  3. Ermitteln Sie drei unterschiedliche sprachlich-stilistische Mittel und erklären Sie deren inhaltliche Funktion!

 

1. Übersetzung

 

Die Tugenden zu lernen, heißt, die Fehler zu verlernen. Aber umso entschlossner müssen wir uns unserer Verbesserung nähern, weil der Besitz des uns einst übergebenen Guten dauerhaft ist. Die Tugend wird nicht verlernt. Aber so wie die angenommenen Tugenden nicht verschwinden können und deren Schutz nicht leicht ist, so ist der Anfang des Gehens zu ihnen eine schwer, weil folgende Verhaltensweise das Charakteristische des schwachen und kranken Geistes ist: sich zu entsetzen vor dem Unbekannten. Daher muss der Geist gezwungen werden, anzufangen. Dann ist es keine bittere Medizin. Ja es macht (uns) nämlich sogar Freude, während sie (uns) heilt. Nach der Gesundung gibt es Genuss an anderen Medikamenten; So ist die Philosophie sowohl heilsam als auch süß. Lebe wohl.

 

 

2. Zusammenfassung

 

In dem vorliegenden Text beschreibt Seneca, inwiefern die uns gegebenen Tugenden geschützt werden können. Man müsse lernen, sich die Tugenden zu bewahren (Z.3:"quemadmodum virtutes ... exire non possunt facilisque earum tutela est"), denn Tugenden zu lernnen bedeute, Fehler nicht zu wiedrholen (Z.1:" Virtutes discere, vitia dediscere est"), was Seneca als Hauptziel betrachtet. Anfangs sei es zwar schwer, den Geist zu trainieren und es koste Überwindung (Z.4f:"hoc proprium imbecillae mentis ... est: formidare inexperta."), aber nachdem man sich überwunden habe (Z.5:"cogenda est"), sei es leicht und mache sogar Freude (Z.5:"enim delectat"). Am Ende des Textes wird die Philosophie als Möglichkeit genannt, Tugenden zu erlernen (Z.6:"philosophia pariter ... salutaris ... est").

 

3.Sprachlich-stilistische Mittel

 

Z.4: Hendiadioyn: In dem Satz werden die Eigenschaften eines schwachen Geistes betont. Um das Attribut schwach/krank hervorzuheben, gebraucht Seneca zwei Wörter mit nahezu gleichem Sinn

 

Im zweiten Teil des Textes fällt die häufige Verwendung von Vokabeln aus dem Bereich „Gesundheit" auf: Z.5: "medicina", Z.6: „sanare", „remedium", „sanitas", „salutaris". Zweck ist die Betonung der Tatsache, dass die Philosophie vergleichbar mit einer bitteren Medizin ist.

 

Auch fällt auf, dass Aussagen, die besonders wichtig sind, zunächst in längeren Sätzen erklärt werden, aber anschließend noch einmal in einem kurzen Satz (brevitas) erwähnt werden. Seneca schafft es auf diese Weise, zentrale Aussagen auf den Punkt zu bringen. (Z.2:"Non dediscitur virtus."; Z.4,5:"formidare inexperta")

 

 

 

Kategorie: Latein | Kommentare (2)